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28. Filmfestival in Cottbus
Menschliche Schicksale und Weltsichten

Zu den Wettbewerbsfilmen der Kategorie Spielfilm beim Filmfestival Cottbus zählt auch „Abgelehnt“: Verstoßene Schwester, brutaler Bruder. Beide werden untergehen. Denn rau-idyllisch ist die Landschaft, voller Gewalt das Leben darin. Postsowjetisch Kasachstan ist beherrscht von Kreditschulden, Korruption und einem patriarchalen Denken, das – in Zhanna Issabayevas feministischem Kino erstmals auch aus der Perspektive des Mannes – nur eines bringt: Unglück.
Zu den Wettbewerbsfilmen der Kategorie Spielfilm beim Filmfestival Cottbus zählt auch „Abgelehnt“: Verstoßene Schwester, brutaler Bruder. Beide werden untergehen. Denn rau-idyllisch ist die Landschaft, voller Gewalt das Leben darin. Postsowjetisch Kasachstan ist beherrscht von Kreditschulden, Korruption und einem patriarchalen Denken, das – in Zhanna Issabayevas feministischem Kino erstmals auch aus der Perspektive des Mannes – nur eines bringt: Unglück. FOTO: Filmfest Cottbus
Cottbus. Kinofreunde freuen sich aus die 28. Auflage des Filmfestivals Cottbus vom 6. bis 11. November. Es wird die Rekordzahl von mehr als 200 Filmen präsentiert. Die Cottbuser Filmschau läutet  am 5. November die Festivalwoche ein. Von Peter Blochwitz

Mehr als 200 Filme aus Mittel- und Osteuropa präsentiert das 28. Filmfestival Cottbus vom 6. bis 11. November. Die filmischen Beiträge verteilen sich auf vier Wettbewerbe und elf weitere Reihen. Acht Jurys sind aufgerufen, mit etwa 80 000 Euro dotierte Preise zu vergeben.

„Das Programm des Festivals erzeugt Neugierde auf das Fremde“, sagt , Programmdirektor Bernd Buder. „Hier werden Vorurteile wegdiskutiert und auf Augenhöhe über Weltsichten aus Ost und West geredet. Von der mazedonisch-griechischen Grenze über die kasachische Provinz bis auf den Mars werden existenzielle zwischenmenschliche Geschichten verhandelt.“

Besonders im Fokus steht wie in jedem Jahr der Wettbewerb Spielfilm, der mit seinen Werken wie ein Seismograf Stimmungen und Tendenzen in Mittel- und Osteuropa aufnimmt und wiedergibt. Zwölf Spielfilme konkurrieren um den Hauptpreis, darunter „Jumpman“ des russischen Shooting-Stars Ivan I. Tverdovsky, der schon zweimal den Hauptpreis in Cottbus gewinnen konnte: 2014 mit „Lenas Klasse“ und 2016 mit „Zoologie“.

Anknüpfungspunkte, von denen eine politische Diskussion ausgehen kann, prägen das gesamte -Programm auch jenseits des Wettbewerb Spielfilm. Die Filmemacher diskutieren drängende Fragen der Zeit vielstimmig und geben mit ihren Werken Antworten, die manchen überraschen.

So reflektieren Filme aus Russland und der Ukraine den Konflikt im Donbass mit ähnlichem Entsetzen über die gewalttätigen Eskalationen der militärischen Gewaltspirale. Gerade das ukrainische Kino, dem das Festival die Reihe „Close up UA“ widmet, gehört gegenwärtig zu den interessantesten Osteuropas. Zwischen dem Krieg im Osten und der EU-Annäherung im Westen schärfen die ukrainischen Filmemacher die Diskussion zwischen patriotischer Geschichtsinterpretation und zivilgesellschaftlichem Diskurs. Interessante Perspektiven offenbaren die Beiträge im deutsch-polnisch-tschechischen U18 Wettbewerb Jugendfilm. Robert Gliński, Bruder des derzeitigen polnischen Kultusministers Piotr Gliński, legt mit „Sei Wachsam“ eine Metapher auf die rechtspopulistische Regierung in Polen vor. Esther Niemeier erörtert in „Tracing Addai“, einem der deutschen Beiträge, warum der Islamische Staat für Jugendliche so anziehend ist und welche bittere Enttäuschung sie vor Ort erwartet.

Historisch und politisch gleichermaßen interessant, da beängstigend aktuell, wird doch vielerorts wieder zu Denunziation aufgerufen – man denke an das von der AfD erdachte Lehrerportal: Die Reihe „Freund als Feind“ der Frage nach, wie totalitäre politische Systeme Menschen zum Verrat an ihren Liebsten treiben – und meint damit nicht nur die Stasi.

Die Reihe „Heimat | Domownja | Domizna“ sorgt für neue Ein- und Ausblicke in die Region Lausitz. Neben regionalen Kunstschaffenden sind es insbesondere zwei Österreicher, die dies ermöglichen. Mit einem Blick auf die Geschichte der Kärntner Slowenen greift das Festival ein Thema auf, das gleichfalls für die Lausitz essenziell ist: die Vergangenheit einer ethnischen Minderheit während des Nationalsozialismus.

„Die Sektion folgt in jedem Jahr einer Art Leitmotiv. In diesem Jahr ist es der Strukturwandel, der in der Lausitz allgegenwärtig ist“, sagt Kuratorin Grit Lemke. Dem regionalen Filmschaffen widmen sich der Lausitzer Kurzfilmwettbewerb Cottbuser Filmschau in seiner mittlerweile 16. Ausgabe und das 7. Treffen des deutsch-sorbischen Netzwerks Lausitzer Filmschaffender. Mit der Cottbuser Filmschau wird am 5. November die Festival-Woche eingeläutet.

Offizielle Eröffnung ist am 6. November im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus. Eröffnungsfilm ist „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“.  Regisseur Paweł Pawlikowski erzählt eine  von der Lebensgeschichte seiner Eltern beeinflusste Geschichte während des Kalten Krieges. Für „Cold War“ gewann er  bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes den Preis für die Beste Regie.