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Abriss in Spremberg
Tage der Mauergasse 3 sind gezählt

 Die Mauergasse 3 in Spremberg ist seit Jahren ein Schandfleck – aber auch ein Haus, in dem Fotografie-Geschichte geschrieben wurde.
Die Mauergasse 3 in Spremberg ist seit Jahren ein Schandfleck – aber auch ein Haus, in dem Fotografie-Geschichte geschrieben wurde. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Spremberg. Das Haus in der Mauergasse 3 in Spremberg soll abgerissen werden. In dem Gebäude wurde Fotografie-Geschichte geschrieben. Von Annett Igel-Allzeit

(ani/abr) Seit Jahren ist das gelbe, von Rissen durchzogene Gebäude ein trauriger Anblick an der Kleinen Spree zwischen den Wohnblöcken an der Jägerstraße. Wie die Spremberger Gesellschaft für Wohnungsbau mbH (Gewoba) offiziell mitteilt, hatte sie das Grundstück Ende des Jahres 2018 gekauft. „Wir wollen einen langjährigen innerstädtischen Schandfleck für sämtliche Bürger der Stadt und für unsere direkt betroffenen Mieter in der Jägerstraße beseitigen und neu gestalten“, so Gewoba-Geschäftsführer Roger Preußmann.

Mitte Februar konnte mit der Entrümpelung und Entkernung begonnen werden. Nach dem Abriss will die Gewoba die Baugrube verfüllen und Rasen auf der Fläche säen lassen – wie auf der gegenüberliegenden Fläche Jägerstraße 1 bis 5, wo vor einem Jahr Plattenwohnungen abgerissen worden waren. Die Gesamtkosten der Maßnahme werden sich der Gewoba zufolge voraussichtlich auf 75 000 Euro belaufen.

Damit wird ein Schandfleck beseitigt, aber es geht auch ein Stück Geschichte verloren. In seiner Abhandlung über Carl Ernst Bernhard Franke im Spremberger Heimatkalender 1996 schreibt der Welzower Reinhard Franke über die Geschichte des Hauses: „Um 1890 wurde in der Mauergasse ein Wohn- und Geschäftshaus gebaut, das Fotohaus Franke.“ Nach den Vorgaben des Bauherren Carl Ernst Bernhard Franke sei es auf die Bedürfnisse der Lichtbildnerei zugeschnitten worden. „In einem Teil des Kellers und im gesamten Obergeschoss“, so Reinhard Franke weiter, „entstanden Arbeitsräume und ein Tageslichtatelier.“ Spannend für den Nachfahren Reinhard Franke war auch, dass das Haus für ein gleichmäßiges Licht nach Norden ausgerichtet war. Dadurch hat das Haus erstaunlich viele Fenster. Nicht mehr stabil ist der Balkon auf der Rückseite, doch mit seinem Metallgeländer muss er mal sehr schön und vielleicht eine Erweiterung des Ateliers gewesen sein.

Wie Reinhard Franke schreibt, starb Carl Ernst Bernhard Franke im Jahr 1914. Seine Ehefrau Amalie Franke wurde Inhaberin. Die technische Leitung übernahmen ihre Schwester Ottilie und die Franke-Tochter Eleonore. Letztere konnte die Geschäfte bis ins Frühjahr 1945 aufrecht erhalten.

Im Jahr 1946 kam Paul Mörmann. Er stammte aus dem Schwarzwald, hat als Geselle beim Welzower Fotografen Bruno Franke, Sohn des Spremberger Carl Ernst Bernhard Franke, gearbeitet, und sich in dessen Tochter Johanna verliebt. Das Spremberger Fotohaus gehörte zum Familienbesitz, und das junge Paar Mörmann konnte starten. Gemeinsam mit Schwager Bernhard Franke schaffte Paul Mörmann 1948 die Meisterprüfung im Fotografen-Handwerk in Weimar.

Für viele Spremberger ist „Paulchen“ Mörmann, wie ihn Eckbert Kwast, Fachleiter des Niederlausitzer Heidemuseums liebevoll nennt, noch heute ein Begriff.

Sein Name ist auf der Rückseite vieler Hochzeitsfotos in den Familienalben zu finden. Im November 1998 konnte Paul Mörmann noch den Goldenen Meisterbrief nach 50 Jahren als Fotografenmeister entgegennehmen.