Fußball

„Wir müssen die Vereine in die Pflicht nehmen“

Schiedsrichter sind Mangelware. Aktuell gibt es in Deutschland pro Verein nur 0,45 Unparteiische. FOTO: pixfly/Shutterstock.com / Honorarfrei

Den unteren Fußballligen und -klassen gehen die Schiedsrichter aus. Können die Vereine keine Schiris stellen, drohen ihnen Geldstrafen. Der Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB) will die Clubs mit einer Satzungsänderung nun noch mehr in die Pflicht nehmen. Heinz Rothe, Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses des FLB erklärt im LAWO-Interview warum.

Heinz Rothe, beim Verbandstag des Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB) am 29. September soll die Satzung verändert werden. Die Vereine sollen mehr Schiedsrichter abstellen. Was konkret steht in dem Antrag?

Jeder Verein soll für jede Herren- oder Frauenmannschaft auf DFB- oder NOFV-Ebener drei Schiedsrichter melden. Für jede Herren- oder Frauenmannschaft auf Landesebene sind zwei Schiedsrichter zu melden. Für jede Herren- oder Frauenmannschaft auf Kreisebene, für jede A-Junioren-Mannschaft sowie für jede auf DFB-, NOFV- und Landesebene spielende B- und C-Junioren-Mannschaft ist ein Schiedsrichter zu melden. Die gemeldeten Schiedsrichter müssen einsatzfähig sein.

Viele Vereine haben jetzt schon Probleme damit, genügend Schiedsrichter zu stellen. Es gibt Geldstrafen und im schlimmsten Fall sogar Punktabzüge. Ist eine Verschärfung der Regelung nicht kontraproduktiv?

Es gibt nur die Alternative, eben nicht mehr alle Spiele mit Schiedsrichtern zu besetzen. Die Regelungen besagen, dass die Vereine eine bestimmte Anzahl an Schiedsrichtern stellen müssen, damit der Spielbetrieb aufrechterhalten werden kann. Wir haben 21 Landesverbände in Deutschland und unsere Regelungen in Brandenburg sind in der Tat die laschesten. In anderen Verbänden werden ganz andere Zahlen gefordert. Dessen sind sich die Vereine gar nicht bewusst. Auch wenn es einige schmerzt – wir müssen die Vereine mehr in die Pflicht nehmen.

Muss man sich Sorgen machen, dass irgendwann der Spielbetrieb durch den Schiedsrichtermangel beeinträchtigt wird?

Ja. Diese Sorgen muss man sich machen. Deswegen versuchen wir ja, die Regelungen anzupassen. Wir sind, wie gesagt, der lascheste Verband – und auch mit veränderter Satzung würde sich das nur wenig verschärfen.

In Deutschland gibt es pro Verein nur 0,45 Schiedsrichter. Wie ist die Situation in Brandenburg?

Anfang 2018 konnten wir noch 1521 aktive Schiedsrichter zählen. Mit Beginn der Saison 2018/2019 sind es jetzt noch 1383. Über die Jahre gab es einen deutlichen Rückgang. Bis vor wenigen Jahren hatten wir allerdings noch viele Karteileichen gehabt, die dann rausgenommen wurden.

Ist das eine Zahl mit der man im Brandenburger Fußball noch agieren kann?

In den Landesspielklassen können wir die Spiele so besetzen, wie es uns vorschwebt. Das gilt für den Herrenbereich und den Nachwuchsbereich. Darüber hinaus wird es eng.

Heißt das konkret: Ein Schiedsrichter und zwei Linienrichter? Oder agiert bei den Spielen mitunter nur ein Schiri?

Im Männerbereich der Landesspielklassen können wir die Spiele mit Schiedsrichtern und Assistenten absichern. Aber es sind immer Klimmzüge dabei. Das fängt mit der Landesklasse dann an. In der Landesliga und Verbandsliga geht das jedoch ohne Probleme.

Die Vereine müssen für die Ausbildung der Schiedsrichter bezahlen. Sind die Kosten eine Ursache für den mangelnden Schiedsrichternachwuchs?

Die Kosten sind nicht das Problem. Es fehlen die Leute zur Ausbildung. Das ist das Problem. Die Ausbildung als solche liegt in der Verantwortung der Kreise.  Das kann der FLB-Schiedsrichterausschuss auf Landesebene nicht leisten. Wir sind jedoch immer dazu bereit, die Ausbildung zu unterstützen. So haben wir beispielweise in diesem Jahr einen zentralen Lehrgang für Schiedsrichter organsiert.

Wie kann man junge Menschen dazu motivieren, Schiedsrichter zu werden?

Wenn ich das wüsste, dann hätten wir nicht das Problem. Wer als Schiedsrichter unterwegs ist oder war, dessen Persönlichkeit hat davon unglaublich profitiert. Aber machen sie das mal jemanden klar, der noch nie Schiri war. Darüber hinaus gibt es Aufwandsentschädigungen für Schiedsrichter. Für Schüler und Studenten kann das ein schönes Taschengeld sein. Fünf Mark gab es zu meiner Anfangszeit, da war ich der reichste Student. Wir beantragen jetzt, die Aufwandsentschädigungen in einigen Bereichen leicht zu erhöhen. Schiedsrichter und Schiedsrichterbeobachter sollen beispielsweise fünf Euro mehr bekommen, d. h. beispielsweise für ein Spiel in der Brandenburgliga 40 Euro  und Kreisspielklassen 25 Euro pro Spiel Dazwischen bewegen sich die anderen Ligen. Auch für Pokalspiele soll es eine Anpassung der Entschädigungen geben. Das reicht natürlich auch noch nicht. Wir würdigen die Schiedsrichterleistungen auch noch anders – beispielsweise mit der Veranstaltung „Danke, Schiri“. Wichtig ist aber auch, dass die Vereine die Schiris mehr einbeziehen. Das wird von vielen beklagt. Schiedsrichter werden mitunter nicht in das Vereinsleben miteinbezogen. Die fühlen sich da sehr oft wie das fünfte Rad am Wagen.

In einem Gastkommentar in der LAUSITZER RUNDSCHAU hat Landesklassen-Schiedsrichter Wilhelm Tarnow dem DFB und dem FLB vorgeworfen, dass die Entscheidung über den Auf- und Abstieg eines Schiedsrichters teilweise nach Gutdünken gefällt wird. Von Vetternwirtschaft war ebenfalls die Rede.

Ich habe in meinem Umfeld gefragt: ,Sagt mal Leute, seid ehrlich! Könnt ihr mir jetzt sagen, an welcher Stelle bei uns in den Entscheidungen von Vetternwirtschaft gesprochen werden könnte?‘ Es wurde verneint.

Schiedsrichter werden beobachtet und bewertet und es gibt es eine Art Rangliste. Wer da weit oben steht, hat die Chance in der nächsten Liga zu pfeifen?

Genau. Was ein Schiedsrichter leisten muss, um in der nächsthöheren Spielklasse pfeifen zu können, ist ganz transparent. Jedes Jahr im Frühjahr werden die Ausführungsbestimmungen für die Schiedsrichter in den BFN veröffentlicht (2018 Ausgabe 4), in denen die Qualifikationsmerkmale genannt sind, dazu gehören  das erfolgreiche Absolvieren der Leistungsüberprüfung, Persönlichkeit und Perspektive, Beobachtungsergebnisse, Engagement im Schiedsrichterwesen oder auch seine Verfügbarkeit, um nur einige zu nennen.  Allerdings liegt es wohl in der Natur der Sache, dass es da manchmal vorkommt, dass sich ein Schiedsrichter benachteiligt fühlt und meint, er wäre sicher besser als der Andere, der für die höhere Spielklasse eingestuft wurde. Damit muss man wohl leben, seitdem ich im Schiedsrichterwesen tätig bin, kenne ich das, auch aus meiner aktiven Zeit.

Ein FLB-Funktionär des Schiedsrichterwesens habe gesagt: „Wenn die zehn besten Schiedsrichter aus Cottbus kommen, steigen nicht diese zehn Besten in die nächsthöhere Liga auf.“ Ist das so?

In der Tat, dieses „erdachte“ Beispiel (die Orte sind natürlich austauschbar) stammt von mir und soll die Problematik „Ökonomie“ verdeutlichen. Wenn es in Cottbus zehn sehr gute Schiedsrichter gibt und drei gute in Pritzwalk, dann heißt das noch lange nicht, dass wir alle zehn aus Cottbus nehmen können. Wir müssen da möglicherweise zwei von den anderen nehmen, weil die Vereine die hohen Fahrtkosten sonst nicht mehr bezahlen könnten. Wir müssen immer daran denken: Die Mannschaften spielen nicht für die Schiedsrichter, damit die sich profilieren können. Wir sind Dienstleister der Vereine  – auch der Antrag für die Satzungsänderung hat letztlich diesen Hintergrund.

Heinz Rothe war Schiedsrichter in der DDR-Liga und der Amateur-Oberliga. FOTO: LR / Stephan Meyer
Schiedsrichter Entschädigung FOTO: LR / Elisabeth Wrobel