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Leichtathletik
Cottbuser Verein              kämpft um ein Juwel

Marie Scheppan mit ihrer Silbermedaille der Olympischen Jugendspiele.
Marie Scheppan mit ihrer Silbermedaille der Olympischen Jugendspiele. FOTO: LR / Frank Hammerschmidt
Cottbus. Eine olympische Medaille in der Leichtathletik sorgt in Cottbus für große Emotionen und weckt auch Begehrlichkeiten. Marie Scheppan ist die neue große Hoffnungsträgerin beim LC Cottbus. Von Sven Hering

Wenn gestandene Männer wegen eines Sportereignisses Tränen in den Augen haben, dann muss das nicht zwangsläufig mit einer gewonnenen Fußball-Weltmeisterschaft zu tun haben. Mirko Wohlfahrt jedenfalls, Chef des Cottbuser Olympiastützpunktes, gab in dieser Woche zu, dass ihn vor ein paar Tagen die Gefühle übermannt hatten. Wohlfahrt hatte da gerade im Internet-Livestream verfolgt, wie die Cottbuser Leichtathletin Marie Scheppan bei den Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires über die 400 Meter zu Silber gelaufen war. Auf einem kleinen Empfang, der zu Ehren der Athletin vom LC Cottbus in dieser Woche organisiert worden war, sagte Wohlfahrt zu der Läuferin: „Ich will nicht verhehlen, dass ich mir die eine oder andere Träne verkneifen musste, doch das ist mir nicht gelungen. So riesig habe ich mich für Dich gefreut, aber auch für Deinen Trainer, weil ich einen riesen Respekt vor der Leistung habe.“

Von einem Juwel spricht Ulrich Hobeck, Vizepräsident beim LC Cottbus, wenn es um das größte Talent der Cottbuser Leichtathletik der vergangenen Jahre geht. Mit ihren Leistungen ist Marie Scheppan – gerade einmal 17 Jahre jung – nicht nur national, sondern inzwischen auch international Spitze. In Buenos Aires wie auch zuvor in Györ bei den Jugend-Europameisterschaften musste sie sich jeweils nur der Tschechin Barbora Malikova geschlagen geben. In diesem Jahrtausend ist noch keine deutsche Jugendliche schneller über die Stadionrunde gewesen.

„Das weckt natürlich Begehrlichkeiten“, gibt Hobeck zu. Und so wird im Verein derzeit nicht nur auf der Tartanbahn gekämpft, sondern auch hinter den Kulissen, um Marie Scheppan beim LC Cottbus zu halten.

Eine besondere Rolle kommt dabei Trainer Rainer Kruk zu. Er hat bereits vor einigen Jahren, als der Name Scheppan höchstens Leichtathletik-Insidern ein Begriff war, das besondere Talent der Döbbrickerin erkannt. Inzwischen muss er seine Athletin eher bremsen als motivieren. Ein Beispiel: Für die Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin gab es Pläne, die Cottbuserin in der 4 mal 400-Meter-Staffel der Frauen starten zu lassen. Kein Wunder: Marie Scheppan war zu diesem Zeitpunkt die drittschnellste Frau in Deutschland über die Stadionrunde. Doch Rainer Kruk blockte das konsequent ab.

Bloß nichts überstürzen. So sieht es der Plan vor, den Sportlerin, Trainer und Verein für die nächsten Jahre haben. Aktuell absolviert Marie Scheppan beim Stadtsportbund ein freiwilliges soziales Jahr. Danach soll sie, wenn alles klappt, bei der Bundespolizei eine Ausbildung beginnen, die sich mit dem Sport in Einklang bringen lässt. Das Problem: Es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Plätzen. „Ausschlaggebend wird deshalb auch sein, wie sich der Leichtathletikverband zu Marie positioniert“, erklärt Hobeck.

Daneben versucht der Verein, schon jetzt die Bedingungen für die Talente, die es neben Marie Scheppan noch gibt, zu verbessern. Die einst für Cottbus so traditionsreiche Leichtathletik soll in der Stadt wieder eine Perspektive haben. Wichtig ist dabei ehrenamtliches Engagement, aber auch Hilfe der lokalen Wirtschaft. Ein neu ins Leben gerufenes Juniorteam soll mit Blick auf Olympia 2024 eine optimale Förderung bekommen. Auch so sollen die besten Athleten an den Verein gebunden werden.

Rückschläge hatte der LCC allerdings in jüngster Vergangenheit auch zu verkraften. Mit Jan Bringmann hörte einer der talentiertesten Werfer der letzten Jahre auf. Der Athlet mit dem Gardemaß war nicht nur im Diskusring top, sondern punktete auch mit einem 1,0-Abitur. „Er erwies sich dann sehr schnell als Überflieger an der Uni, da gab es Leute, die einfach die Hand draufgehalten und ihn gefragt haben: Was willst Du hier Diskus werfen, Du bist der Mann der Zukunft in der Wirtschaft“, erklärt Hobeck. „Damit müssen wir leben.“

Im Fall Marie Scheppan hat der Verein bislang alle Abwerbeversuche erfolgreich abgewehrt. Dabei spielt dem LC Cottbus eine Eigenschaft der jungen Athletin in die Karten: „Marie ist sehr bodenständig“, sagt ihr Trainer. „Mir ist mein Umfeld sehr wichtig, vor allem meine Familie und Freunde“, gibt sie selbst zu. Deshalb gab sie auch der Sportschule in Potsdam einen Korb, die um die Cottbuserin buhlte – damals noch als Fußballerin.

Bis zur sechsten Klasse kickte Marie gemeinsam mit ihrem Bruder beim VfB Döbbrick in den Nachwuchsteams der Jungen mit. Ihre ersten Schritte als Läuferin unternahm sie dann in der Trainingsgruppe von Dieter Spiller. „Rückblickend hat Herr Spiller tatsächlich den Grundstein gelegt, dafür bin ich ihm bis heute sehr, sehr dankbar!”, sagt sie. Im Jahr 2015 wechselte sie zum früheren erfolgreichen Mittelstreckler und heutigen LCC-Trainer Rainer Kruk.

Der möchte seine Vorzeigeathletin gern schon bald einmal auf der 800-Meter-Strecke testen. „Ich glaube, auch diese Distanz könnte ihr liegen“, sagt er. Im kommenden Jahr sind die U20-Europmeisterschaften in Schweden das große Ziel.

„Alles, was in den letzten Wochen passiert ist, ist für mich noch ungewohnt.“ So beschreibt die Döbbrickerin den Rummel, den es seit der Jugend-EM um sie gibt. Von der Cottbuser Sportdezernentin Maren Dieckmann erhielt die 17-Jährige beim Empfang einen Tipp, sollte das alles einmal zu viel für sie werden. „Lauf denen dann einfach davon.“ Schnell genug wäre sie.

Auch bei der U18-EM holte Marie Scheppan Silber.
Auch bei der U18-EM holte Marie Scheppan Silber. FOTO: Foto: Kai Peters / Peters Kai