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Bobfahren
Auf neuer Flugbahn in Richtung Olympia

Bei den deutschen Meisterschaften in Winterberg landete David Golling (2.v.r.) im Viererbob von Pilot Christoph Hafer (r.) gleich auf Rang zwei.
Bei den deutschen Meisterschaften in Winterberg landete David Golling (2.v.r.) im Viererbob von Pilot Christoph Hafer (r.) gleich auf Rang zwei. FOTO: Deutscher Bobverband
Cottbus. Der einstige Speerwerfer David Golling aus Cottbus ist nun Bobfahrer – und träumt wieder von den Olympischen Spielen. Die ersten Erfolge machen ihm Hoffnung. Von Jan Lehmann

Der Bart ist etwas länger geworden, die Trainingstage auch nicht unbedingt kürzer. Und dennoch hat sich das Leben des Cottbusers David Golling grundlegend geändert. Das hat zwei Gründe. Der wohl wichtigste heißt Lino und ist fünf Wochen alt. Der kleine Sohn stellt das Leben des 28-Jährigen auf den Kopf, er ist sein ganzer Stolz.

Doch damit nicht genug, Golling peilt auch in seiner Leistungssport-Karriere eine völlig neue Flugbahn an. Der einstige Speerwerfer, der beim LC Cottbus lange ein Hoffnungsträger für neuen olympischen Glanz der traditionsreichen Leichtathletik war, ist nun Bobfahrer. Ja, tatsächlich. Nachdem das Kraftpaket jahrelang die Speere mit etwa 110 Stundenkilometern durch die Luft geschleudert hat, sorgt er mit seiner Schnellkraft nun als Anschieber dafür, dass der Viererbob des ehemaligen Junioren-Weltmeisters Christoph Hafer auf Touren kommt. Und der wird sogar noch schneller: 140 Kilometer pro Stunde erreichen die Bobs in den Eiskanälen dieser Welt – und Golling sitzt jetzt mit drin. Dabei ist der Cottbuser nie gern Karussell oder Achterbahn gefahren. Und nach der ersten Bobfahrt musste er tatsächlich Körperteile und Gleichgewichtssinn neu sortieren. „Das war schon heftig. Da wird man auf der Bahn ordentlich verprügelt, ich habe danach ganz schön geschielt“, berichtet Golling.

Inzwischen machen ihm die Hochgeschwindkeitsfahrten aber Spaß. Golling sitzt an Position zwei. Das heißt: Erst muss er beim Anlauf Vollgas geben und sich danach irgendwo windschnittig im Bob verkriechen. „Da darf keine Schulter rausgucken“, so der Eiskanal-Neuling, der mit großer Zuversicht an die neue Aufgabe geht. Der erste Erfolg gibt die Bestätigung: Bei den Deutschen Meisterschaften in Winterberg wurde Hafers Viererbob mit Ex-Speerwerfer Golling gleich überraschend Zweiter – vor Ex-Weltmeister Johannes Lochner. Und damit ist die Crew plötzlich ein heißer Kandidat für den Weltcup-Kader. Olympiasieger Francesco Friedrich ist gesetzt – und Nico Walther nach dem Doppelsieg in Winterberg wohl auch nominiert. Der dritte Startplatz wird nun zwischen Hafer und Lochner ermittelt. „Wir machen uns natürlich Hoffnungen“, sagt Golling, der mit seinem Team derzeit auf der Bahn in Altenberg trainiert. Dort findet am kommenden Wochenende der zweite Teil der Weltcup-Qualifikation statt.

Golling kämpft um seinen großen Traum – die Olympischen Spiele. Eigentlich wollte er als Speerwerfer zu den Sommerspielen, doch er gibt zu: „Die deutsche Konkurrenz wirft einfach in einer anderen Liga. Da habe ich keine Perspektive mehr gesehen.“ Mit Weiten von mehr als 80 Metern hatte der Cottbuser angedeutet, dass er den Weg in Richtung Spitze einschlagen könnte. Doch das deutsche Traum-Trio mit Weltmeister Johannes Vetter, Europameister Thomas Röhler und Vize-Europameister Andreas Hofmann mit den 90-Meter-Würfen blieb für Golling nach einem Riss der Patellasehne unerreichbar. „Deshalb versuche ich es jetzt nochmal auf einem anderen Weg“, sagt Golling.

Er ist nicht der erste Leichtathlet, der den Umstieg wagt. Der Potsdamer Kevin Kuske stand einst als 400-Meter-Läufer bei der Junioren-EM auf dem Podium, ehe er als Anschieber mit vier Gold- und zwei Silbermedaillen der erfolgreichste Bobsportler bei Olympischen Winterspielen wurde. Und in Cottbus kann Christian Poser als Vorbild herhalten. Der 32-Jährige hatte einst wie Golling an der Lausitzer Sportschule als Leichtathlet bei Trainer Ralf Lauenroth angefangen, in Sotschi und Pyeongchang fuhr er knapp an olympischem Edelmetall vorbei.

Golling arbeitet in Berlin in einer Trainingsgruppe mit mehreren Anschiebern. Er erklärt: „Das ist ähnlich wie beim Speerwerfen. Wir machen sehr viel im Kraftbereich. Nur die anstrengenden Technikeinheiten fallen weg, das passt mir ganz gut.“ Technik spielt jetzt eine andere Rolle, Bobfahren ist ein Kampf ums beste Material. Golling muss mit ran, wenn es ums Schleifen der Kufen geht. Da kommt ihm entgegen, dass er in der Lausitz bei Vattenfall eine Lehre als Industriemechaniker absolviert hat. Doch beruflich denkt Golling in eine andere Richtung. In Berlin arbeitet er bei einer Agentur, die Sportler vermarktet.

Über seine Freundschaft mit Diskus-Olympiasieger Robert Harting ist Golling dazu gekommen. Erst hatte er Harting bei der Arbeit mit den sozialen Netzwerken unterstützt, nun ist er in der Agentur, die unter anderem auch den ehemaligen Energie-Sportdirektor Christian Beeck vertritt, fürs Kreative verantwortlich.

Doch insgeheim verfolgt der Cottbuser noch weitere Ziele: „Es wäre schön, wenn das mit dem Bobfahren klappt und ich in die Sportfördergruppe der Bundeswehr kommen und vielleicht studieren könnte“, sagt er. Die Weltcup-Qualifikation ist dafür eine Voraussetzung. Und so muss David Golling am kommenden Wochenende wieder mit Team Hafer in Altenberg in Höchstgeschwindigkeit die Bobbahn herunterrasen – und zwar deutlich schneller als Speere fliegen können.