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Ehrenamt: Nicht ohne uns
Zwischen Kirche und Kneipe

 1964 trat Wilhelm Stranz in die TSG Rot-Weiß 90 Kostebrau ein. Seine große Leidenschaft ist auch heute noch Tischtennis.
1964 trat Wilhelm Stranz in die TSG Rot-Weiß 90 Kostebrau ein. Seine große Leidenschaft ist auch heute noch Tischtennis. FOTO: LR / Josephine Japke
Kostebrau. In Kostebrau geht nichts ohne Wilhelm Stranz (73). Kümmert er sich nicht gerade um die Sportgaststätte der TSG Rot-Weiß 90 Kostebrau, sammelt er Spenden für die Sanierung der Kirche. Das Helfen, so sagt er, ist ihm in die Wiege gelegt worden.

„Ich bin dazu erzogen worden anderen zu helfen und mich an Abmachungen zu halten“, sagt Wilhelm Stranz mit Bestimmtheit und beschreibt in einem einzigen Satz sein Dilemma. Denn eigentlich würde der 73-Jährige Kostebrauer die Verantwortung für das Sportlerheim der TSG Rot-Weiß 90 Kostebrau gerne abgeben. Eigentlich träumt er davon, nur noch als Gast mit seiner Frau die Vereinsklause zu besuchen. Eigentlich möchte er sich auf die Kirche konzentrieren. Eigentlich.

„Aber ich hab damals eben gesagt, dass ich die Verantwortung für die Sportgaststätte übernehme und jetzt ziehe ich das durch, bis ich nicht mehr kann oder jemand Neues gefunden ist“, sagt Wilhelm Stranz. Als die Gaststätte 2002 nicht mehr gut lief, kam der damalige Vereinsvorsitzende auf ihn zu und bat ihn sich der Sache anzunehmen. „Naja, eine richtige Bitte war es nicht, eher eine Entscheidung. Ich hatte also keine andere Wahl“, sagt Wilhelm Stranz lachend.

Heute ist er zwar nicht der Betreiber, kümmert sich aber um den Einkauf, die Ordnung, Bewirtschaftung und Sauberkeit. Unterstützung kriegt er dabei von den Sektionen des Vereins, Fußball, Tischtennis, Volleyball, Gymnastik und Wandern, die den Ausschank im monatlichen Turnus übernehmen. „Alleine wäre das nicht zu stemmen“ ist sich Wilhelm Stranz sicher und formuliert damit zugleich den Kostebrauer Leitsatz.

Sei es bei der Ausrichtung der Himmelfahrts-Feier, des Sportfestes, des Maibaumstellens oder beim Frühjahrs- und Herbstputz im Dorf, bei der Pflege des kleinen Parks und der Kirche – wo es geht packen die Einwohner Kostebraus mit an. Oft sogar nicht nur körperlich, sondern auch finanziell. „Immer wenn wir um Spenden bitten, um die Kirche Stück für Stück zu sanieren, geben die meisten bereitwillig etwas“, sagt Wilhelm Stranz. Kurz nach der Wende musste das Dach neu gedeckt werden, seitdem wurden auch Orgel, Geläut und Elektrik erneuert, in diesem Jahr steht die Uhr auf dem Plan. „10 000 Euro brauchen wir dafür, aber die Hälfte haben wir schon aus privaten Spenden zusammen“, sagt Wilhelm Stranz zuversichtlich.

Er ist seit 1964 aktiv – sowohl in der Kirche, als auch im Sportverein. „Meine evangelische Großmutter wurde 1949 aus dem katholischen Polen vertrieben und ist hier gelandet. In Kostebrau haben wir Christen gefunden, die uns auf die Beine geholfen haben“, beschreibt er seine Familiengeschichte. Damals war er vier Jahre alt und seitdem weiß er, dass Menschen und Dingen in Not geholfen werden muss.

Schon mit 15 begann er sich im Gemeindekirchenrat Kostebrau zu engagieren und wurde prompt jüngstes Mitglied. Seitdem Wilhelm Stranz im Ruhestand ist, ist die Kirche sein „Erstjob“, die Kneipe kommt an zweiter Stelle. „Vor jedem Gottesdienst alle vier Wochen reinigen wir gemeinsam mit Freunden die Kirche, wir sammeln Spenden für die Renovierungsarbeiten und pflegen die Grünanlagen“, zählt er nur einige seiner Aufgaben auf.

Dass er mittlerweile für alle Fragen von Behörden und Anwohnern der Ansprechpartner ist, stört ihn nicht. Einer muss eben den Hut aufhaben. „Wenn du fremdes Geld kriegst, hast du eine große Verantwortung und darfst nicht schludern“, sagt Wilhelm Stranz. Auch für die Zukunft hat er Sanierungspläne für die Kirche, denn Fenster und Innenanstrich müssten dringend gemacht werden.

Und zwischendurch wollen auch noch seine Hunde Odette und Judy ausgeführt werden. „Die gehören eigentlich meiner Frau, aber wie das halt so ist, bin ich derjenige, der Gassi gehen muss mit ihnen“, sagt Wilhelm Stranz. Doch das macht er gern, denn er weiß nur zu gut, was er an seiner Christine hat. „Sie unterstützt mich in allem was ich tue und packt selbst mit an. Jedes Heimspielwochenende macht sie Kartoffelsalat, Soljanka oder Kuchen“, zählt Wilhelm Stranz auf.

Etwa 650 Einwohner hat Kostebrau heute – 2000 waren es einmal. Doch dann kam der Tagebau Klettwitz, dem die zwei Ortsteile Wischgrund und Römerkeller Anfang der 80er Jahre zum Opfer fielen. Etliche Leute zogen weg und suchten andernorts ihr Glück. Wilhelm Stranz aber blieb. „Ich habe schon manches Mal darüber nachgedacht, dass wir die Kneipe und Kirche nicht am Hals hätten, wenn wir damals auch abgehauen wären“, gibt er zu, überlegt kurz und sagt: „Aber dann hätte ich mich wohl irgendwo anders engagiert und hätte da womöglich ein Sportlerheim an der Backe.“ Manchen Menschen liegt das Helfen eben im Blut.

 Wilhelm Stranz hütet nicht nur die Sportlerkneipe, sondern auch die Kirche des 650-Einwohner-Dorfes Kostebrau.
Wilhelm Stranz hütet nicht nur die Sportlerkneipe, sondern auch die Kirche des 650-Einwohner-Dorfes Kostebrau. FOTO: LR / Josephine Japke
 Wilhelm Stranz ist Leiter der Sektion Tischtennis in der TSG Rot-Weiß 90 Kostebrau und kümmert sich nebenbei ehrenamtlich um die Sportlergaststätte.
Wilhelm Stranz ist Leiter der Sektion Tischtennis in der TSG Rot-Weiß 90 Kostebrau und kümmert sich nebenbei ehrenamtlich um die Sportlergaststätte. FOTO: LR / Josephine Japke