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Nicht ohne uns
„Wenn Tiere leiden, leide ich mit ihnen“

Sabine Delloch mit ihrem Lieblingshaustier Spedy, der mal ein Kampfkater aus dem Tierheim war.
Sabine Delloch mit ihrem Lieblingshaustier Spedy, der mal ein Kampfkater aus dem Tierheim war. FOTO: Dieter Babbe
Finsterwalde. Sabine Delloch lebt in Schöneborn und arbeitet in Schlieben. Für die Strecke braucht sie keine 23 Minuten, so wie jeder andere, sondern oft mehr als das doppelte. Denn auf dem Weg kümmert sie sich um Mensch und Tier. Von Dieter Babbe

Sabine Delloch arbeitet seit vielen Jahren als Altenpflegerin in der Schliebener AWO-Wohnstätte für Senioren. „Es gibt keine dankbarere Aufgabe, als alten Menschen zu helfen“, sagt sie. Nebenbei kümmert sich die ehrenamtliche Hospizhelferin auch um schwerkranke Menschen und begleitet sie auf ihrem letzten Lebensweg. „Da herrscht nicht nur traurige Stimmung, da wird auch viel gelacht“, erklärt die engagierte Frau. Doch wenn sie Feierabend hat, ins Auto steigt und nach Hause fährt, dann ist Sabine Delloch nur noch für die Tiere da – für solche, die krank sind oder die Not leiden. Sie gesteht: „Ich kann Tiere nicht leiden sehen, ich leide mit ihnen.“

Meistens schafft sie es gar nicht bis nach Schönborn – bereits unterwegs macht sie immer wieder Halt, füttert zurzeit den Kater eines Alkoholabhängigen in Doberlug, der auf Entziehung ist, geht einem Hinweis in Rückersdorf nach, wo ein Hund an der kurzen Kette angebunden sein soll („was verboten ist“), und muss noch schnell nach Crinitz fahren, hier sind freilaufende Katzen einzufangen, die zum Tierarzt zur Kastration müssen.

Es vergeht kein Tag, an dem Sabine Dolloch nicht einem tierischen Notfall nachgehen muss. „Mein Auto ist jetzt vier Jahre alt und hat fast 70 000 Kilometer runter – 75 Prozent davon war ich für den Tierschutz unterwegs“, sagt die 61-jährige Schönbornerin. Was sie nicht betonen will: Benzin und Steuern zahlt sie aus der eigenen Tasche.

Dabei hörte sich anfangs alles so einfach an: „Du brauchst doch nur hin und wieder was unterschreiben, eine Spendenquittung, einen Förderantrag oder eine Anzeige“, hieß es beim Finsterwalder Tierschutzverein, als der vor sechs Jahren einen neuen Vorsitzenden gesucht hat. Hätte sich Sabine Delloch damals nicht bereiterklärt, wäre der Verein vermutlich auseinander gefallen. „Damit wäre den Tieren nicht geholfen gewesen, das hätte mir weh getan“, sagt sie.

Die Tiere scheinen zu spüren, dass es Sabine Delloch gut mit ihnen meint – viele suchen sie regelrecht. Zwölf eigene Katzen leben inzwischen in ihrem Haus, die meisten sind zugelaufen. Wie der rothaarige Garfield, der ausgesetzt wurde und vor ihrem Hoftor stand, oder Lisa, die man in Doberlug aus dem fahrenden Auto geworfen und bei ihr abgegeben hat. Trudchen traf Sabine Dolloch in einer Pflegestelle, „das niedliche Kätzchen rief mir zu: Nimm mich mit“, glaubte sie zu hören. Paulchen ist der bislang Letzte von dem Dutzend Haustieren – „er kam anfangs immer nur zum Fressen. Bis er mal ganz blutig hinterm Ohr war und sein Fell verlor, wegen der vielen Milben. Ich musste zum Tierarzt mit ihm, seitdem sind wir ein Herz und eine Seele.“

Angefangen hat aber alles mit Gina, einer Dalmatinerhündin. Als das treue Familienmitglied nach 14 Jahren an Krebs starb, brach bei Dellochs eine Welt zusammen, vor allem für die beiden Töchter, die ihre liebste Spielkameradin verloren hatten. „Für uns war klar: Ein Tier muss wieder ins Haus. Wir haben uns für eine Katze aus dem Tierheim entschieden“, erinnert sich Sabine Delloch. Dass die Wahl nun ausgerechnet auf Spedy, einem erklärten Härtefall, fiel, war allerdings nicht geplant. Der Graugetigerte zeigte sich aggressiv und bissig, die Vorbesitzer hatten ihn zum Kampfkater erzogen. „Inzwischen ist Spedy längst ganz lieb und total verschmust“, freut sich Sabine Delloch über ihren Lieblingskater.

Freilaufende und wild lebende Katzen bereiten den 54 Mitgliedern des Finsterwalder Tierschutzvereins die meisten Sorgen. „Damit die sich nicht unkontrolliert vermehren, müssen die Tiere kastriert werden – eine ständige Aufgabe für uns. 114 Kastrationen hatten wir im vorigen Jahr“, berichtet Sabine Delloch und rechnet vor: „Jede Kastration kostet um die 60 Euro beim Kater und 100 Euro bei der Katze.“ Das Geld kommt nur zum Teil vom Deutschen Tierschutzbund und von Behörden. „Wir sind dringend auf Spenden angewiesen“, appelliert die Vorsitzende und verweist auf das Vereinskonto auf der Internetseite.

Als „Anwalt für die Tiere“ hat Sabine Delloch viel mit den Veterinär- und Ordnungsämtern beim Kreis und den Kommunen zu tun – vor allem dann, wenn Fälle von Misshandlungen oder nicht artgerechter Haltung bekannt werden, „ich, als Ehrenamtliche, aber nicht aufs Grundstück oder in die Wohnung darf“. Was Sabine Delloch ärgert: „Beim Tierschutz gucken Ämter gerne mal weg, auch weil der Geld kostet. Sie behandeln Tiere vielfach als Sache und nicht als Lebewesen.“ Und sie bedauert: „Unsere Arbeit im Tierschutzverein ist leider nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.“

Öffentlich findet Sabine Delloch allerdings immer wieder Anerkennung – neulich erst, als die Vox-Sendung „HundKatzMaus“ vom Fall des jungen Sven König aus Doberlug berichtet hat, der plötzlich seine Mutter verlor und allein mit den beiden großen Wohnungshunden überfordert war. Die Vereinsvorsitzende hat es nicht nur eingefädelt, dass Nelly und Rasty ein neues Zuhause bekamen, die Tierschützer kümmerten sich auch um den Jungen. Bei einem Arbeitseinsatz haben sie für Ordnung im Haus gesorgt. Das ist Sabine Delloch – ein Tier- und Menschenfreund zugleich.