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Nicht ohne uns
Vom unverfänglichen Gespräch zum Hilfsangebot

 Bei einer Runde Billard kommt Wilfried Weiche mit Gästen der Begegnungsstätte „contact“ in Sachsendorf leichter in Kontakt. Einige leben in schwierigen sozialen Verhältnissen.
Bei einer Runde Billard kommt Wilfried Weiche mit Gästen der Begegnungsstätte „contact“ in Sachsendorf leichter in Kontakt. Einige leben in schwierigen sozialen Verhältnissen. FOTO: LR / Stephan Meyer
Cottbus. „Nicht ohne uns“ lautet die Serie der LAUSITZER WOCHE. Sie porträtiert Personen mit großem ehrenamtlichen Engagement. Wilfried Weiche aus Cottbus arbeitet ehrenamtlich im „contact“ einer Begegnungsstätte der Diakonie Niederlausitz. Von Stephan Meyer

Wilfried Weiche greift zum Queue und stößt ein paar Kugeln mit Gästen des „contact“. Was profan nach einer Runde Billard aussieht, ist tatsächlich Teil seiner ehrenamtlichen Arbeit für das Diakonische Werk Niederlausitz. Das Begegnungszentrum „conatct“ in der Gelsenkirchener Allee in Sachsendorf ist ein zusätzlicher Grundpfeiler der Stadtmission. Beide werden von der Diakonie betrieben. Die Gäste des „contact“ haben nicht selten soziale Schwierigkeiten und leben zum Teil in prekären Verhältnissen.

Bei einer Partie Billard oder Darts kommt Wilfried Weiche mit den Gästen des Begegnungszentrums leichter und unverfänglicher in Kontakt. Der 62-Jährige ist mindestens zwei bis drei Mal die Woche dort. Er ist kein Sozialarbeiter, bescheinigt sich aber dennoch eine gute Menschenkenntnis. Die habe er sich angeeignet, als er noch in der Möbelbranche tätig war. „Die einen ticken so, die anderen so“, erklärt Weiche. Nicht alle die ins „contact“ kommen, würden sich gleich trauen, Hilfe bei den Streetworkern zu suchen. Nicht alle wollen sich helfen lassen. Die Gespräche mit dem 62-Jährigen sind zunächst niederschwellig. Die Gäste bestimmen das Thema. Weiche überzeugt durch seine lockere Art. Engagiert sich nicht nur in Sachsendorf, sondern wohnt auch dort – er ist einer ihrer Nachbarn.

Vielfältige Probleme

 Das „contact“wurde im März 2009 eröffnet und ist ein zusätzlicher Grundpfeiler der Stadtmission.
Das „contact“wurde im März 2009 eröffnet und ist ein zusätzlicher Grundpfeiler der Stadtmission. FOTO: LR / Stephan Meyer

Auch wenn Weiche mit den Gästen auf Augenhöhe spricht, weiß er was er sich zutrauen kann, und was nicht. Wenn er bei seinen Gesprächen an seine Grenzen stößt oder nicht weiterhelfen kann, dann leitet er die Personen vertrauensvoll an die Angestellten der Diakonie weiter.

Die Probleme derjenigen, die ins „contact“ kommen, sind vielseitig, weiß Sozialarbeiter Thomas Prescher. Sie reichen von Problemen mit Behörden, über Schulden bis zur Beantragung von Förderungen für Ferienfahrten oder Kuren. Wer Bewerbungen schreiben oder im Internet nach einer Wohnung oder einem Stellenangebot sucht, kann einen der PCs der Begegnungsstätte nutzen. Bei einer Kleiderkammer gibt es Mode für einen geringen Obolus.

Aber auch bei vermeintlich kleineren Schwierigkeiten helfen die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen weiter. So baute Wilfried Weiche mit „contact“-Klienten bereits Regale auf oder half ihnen beim Einkaufen. Jeden zweiten Freitag im Monat gibt es ein gemeinsames Frühstück im „contact“. Für 2 Euro können die Gäste hier essen. Auch dabei hilft Weiche kräftig mit.

Er sagt über seine ehrenamtliche Tätigkeit: „Ich freue mich, wenn ich mit den Leuten etwas geschafft habe. Es ist mir eine Genugtuung, wenn ich helfen kann und auch die Menschen sind unendlich dankbar.“

Über 15 Jahre dabei

Der Sachsendorfer engagiert sich seit 2002 bei der Diakonie – knapp 17 Jahre. Doch er wohnte nicht immer in dem Cottbuser Stadtteil. Weiche kommt ursprünglich aus Schorbus. Über 20 Jahre war er in der Möbelbranche tätig. Als selbstständiger Unternehmer baute er Schränke, Regale, Kommoden und mehr auf. Als der Erfolg ausblieb, sah er sich gezwungen, sein Geschäft abzumelden. Nach dem seine Ehe scheiterte, zog er nach Cottbus. Über eine Maßnahme der Arbeitsagentur kam er in Kontakt mit der Diakonie. Als die Maßnahme vorüber war, hielt er sein Engagement dort aufrecht. „Auch damit man nicht in der Birne verrückt wird“, so der Arbeitslose. „Wir sind hier eine gewachsene Gemeinschaft. Ich gehe gerne hierher, das ist ein angenehmes Umfeld.“

Ein Herz für Obdachlose

In den Wintermonaten engagiert sich Wilfried Weiche zusätzlich im Straßencafé der Diakonie. Von November bis März unterstützt er die Einrichtung in der Wilhelm-Külz-Straße bei der Versorgung von Obdachlosen. Die können sich im Café aufwärmen und erhalten ein Mittagessen. Darüber hinaus gibt es auch hier eine Kleiderkammer sowie die Möglichkeit, sich zu duschen und Wäsche zu waschen.

Streetworker bieten Beratungs- und Begleitungsangebote an.

Religion ist nicht im Vordergrund

Zwar ist Wilfried Weiche ein überzeugter evangelischer Christ und die Diakonie ein Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirche, dennoch spiele der kirchliche Bezug bei der Arbeit im „contact“ oder dem Straßencafé keine wesentliche Rolle. Wer von sich aus nicht mit dem Thema Glaube anfange, den behellige er damit auch nicht, so Weiche. „Wir missionieren hier nicht“, ergänzt Sozialarbeiter Thomas Prescher. Niemand werde zu etwas gezwungen.
Kennen Sie jemanden, der sich ehrenamtlich engagiert und den wir in der Zeitung vorstellen sollten? Dann schicken Sie bitte Ihren Vorschlag an cottbus@lausitzer-woche.de