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Serie: Nicht ohne uns
Verstanden werden ist wichtiger als gehört zu werden

Die Entwicklung der akustischen Hilfsmittel für Schwerhörige hat Heinz Sander, Vorsitzender des Schwerhörigen Vereins Cottbus, seit seiner Jugend miterlebt. Auch wenn der technische Fortschritt bemerkenswert ist, so löst er noch lange nicht alle Alltagsprobleme.
Die Entwicklung der akustischen Hilfsmittel für Schwerhörige hat Heinz Sander, Vorsitzender des Schwerhörigen Vereins Cottbus, seit seiner Jugend miterlebt. Auch wenn der technische Fortschritt bemerkenswert ist, so löst er noch lange nicht alle Alltagsprobleme. FOTO: LR / Jenny Theiler
Cottbus. Barrierefreiheit umfasst nicht nur baulich gute Erreichbarkeit. Dass auch Kommunikation ungehindert funktionieren muss, um den Alltag zu bewältigen, ist vielen Menschen nicht klar.

„Setzen Sie sich doch einfach neben den Lautsprecher.“ Diese Empfehlung hört Heinz Sander regelmäßig – sei es bei Infoveranstaltungen, Autorenlesungen oder Konzerten. Was sich wie ein nett gemeinter Hinweis anhört, nützt dem 75-Jährigen allerdings  nichts.

Ein Hörgerät trägt Heinz Sander schon seit Jahrzehnten. Damit sei es aber nicht immer getan. „Man hilft einem Schwerhörigen nicht, wenn man ihn anschreit“, betont er. Damit Kommunikation funktioniere, sei immer das Zusammenspiel mehrerer Sinne ausschlaggebend. Dazu gehören auch Mimik, Gestik und die Lippenbewegungen beim Sprechen. „Das sind ganz normale Dinge, auf die auch jemand achtet, der nicht schwerhörig ist“, sagt Heinz Sander. Vielen Menschen sei das allerdings nicht klar. Aus der Unwissenheit heraus können Kommunikationsfehler entstehen, die dann zu fatalen Missverständnissen führen können.

Heinz Sanders Hörvermögen beträgt weniger als zehn Prozent. Seine Schwerhörigkeit ist wahrscheinlich auf mehrere Mittelohrentzündungen in der Kindheit zurückzuführen. Seit über 40 Jahren setzt er sich ehrenamtlich für die Belange schwerhöriger Menschen ein. Zu DDR-Zeiten war Heinz Sander im Gehörlosen- und Schwerhörigen Verein tätig, der nach der Wende in den Deutschen Schwerhörigen Bund integriert wurde. Durch seine berufliche Tätigkeit als Bauleiter, war ihm eine aktive Vereinsmitgliedschaft nicht möglich. Dennoch hat sich der Ingenieur jahrelang in der Arbeitsgruppe „Mobilität und Bauen“ des Beirats für Menschen mit Behinderungen in Cottbus eingesetzt. Seit 2003 ist Heinz Sander in Rente und wieder ein aktives Mitglied im Schwerhörigen Verein Cottbus. Vor vier Jahren wählte der Verein ihn zum Vorsitzenden. „Dagegen habe ich mich lange Zeit gesträubt“, gibt Heinz Sander schmunzelnd zu. „Ich glaube, das ich freier und aktiver im Verein agieren kann, wenn ich nicht im Vorstand bin“, so der Rentner.

Der Verein setzt sich für eine bessere Kommunikation zwischen Schwerhörigen und Nichtschwerhörigen ein. Dies sei die wichtigste Voraussetzung für ein barrierefreies Miteinander im Alltag. „Mit der eigenen Schwerhörigkeit klar zu kommen ist die eine Sache, aber sich vor anderen damit zu outen ist deutlich schwerer“, sagt Heinz Sander, denn viele Betroffene merken nicht, dass sie schwer hören. Insbesondere in Pflegeheimen, würde man es im häufiger versäumen Hörtests durchzuführen, weil man voreilig annimmt, der Betroffene sei dement. Auch die Eitelkeit stünde vielen Schwerhörigen im Weg, die sich weigern, ein Hörgerät zu tragen.

Vor allem Menschen, die erst im hohen Alter ein Hörgerät bekommen, haben es schwer, sich daran zu gewöhnen. Das Gehirn braucht viel länger, um die vielen neuen Geräusche zu verarbeiten. Demzufolge kann Hören für den Betroffenen plötzlich zu einer echten Belastung werden. „Ein Hörgerät ist wie der Lautsprecher nur ein Verstärker, der natürlich auch Störgeräusche aus der Umgebung verstärkt. Das Kommunikationsproblem zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen wird dadurch nicht gelöst“, sagt Heinz Sander. Dennoch räumt der Vereinsvorsitzende ein, dass die Entwicklung akustischer Assistenzsysteme in den letzten Jahren erstaunliche Fortschritte gemacht habe. „Die Technologie ist schneller vorangeschritten als mein Hörverlust. Ich habe noch nie in meinem Leben so gut gehört wie jetzt“, bestätigt Heinz Sander.

So wie auch die Kommunikation unter dem Einfluss verschiedener Sinne funktioniert, ist auch das Zusammenspiel mehrerer Geräte notwendig, damit ein Schwerhöriger auch in Alltagssituationen optimal hört. Hörassistenzsysteme gibt es bereits in zahlreichen Ausführungen und ermöglichen es dem Betroffenen beispielsweise den Fernsehton mit dem Hörgerät zu koppeln. Das so genannte induktive Hören funktioniert ähnlich wie beim Telefon, indem Tonsignale in elektrische Signale umgewandelt werden. Öffentliche Einrichtungen mit diesen Systemen auszustatten, würde einen enormen gesellschaftlichen Fortschritt bedeuten. Das erfordere allerdings auch die Bereitschaft der Öffentlichkeit, in die Hörassistenzsysteme zu investieren. Auch wenn einige Einrichtungen bereits über sehr gute Hörassistenzsysteme verfügen, herrsche laut Heinz Sander in diesem Punkt leider noch sehr viel Unwissenheit und allgemeines Desinteresse. „Viele Einrichtungen wollen diese Anschaffung nicht, oder sind erst bereit dazu, wenn alle anderen in der Stadt sich auch dazu entschließen“, erklärt er den Teufelskreis. Dennoch gibt der 75-Jährige nicht auf. „Wir werden weiterhin hartnäckig bleiben und die Öffentlichkeit über Schwerhörigkeit aufklären, denn wie auch schon Immanuel Kant sagte – nicht hören trennt von den Menschen“, sagt Heinz Sander.

Im Beisein von CTK-Verwaltungsdirektor Karsten Bepler (mi.) und Ralf Klemme, testet Heinz Sander (re) die Hörassistenzgeräte.
Im Beisein von CTK-Verwaltungsdirektor Karsten Bepler (mi.) und Ralf Klemme, testet Heinz Sander (re) die Hörassistenzgeräte. FOTO: CTK