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Nicht ohne uns
Groß träumen, großzügig handeln

Lübbenerin Marlies Siegert (Fo.o.li.) hat die „Weltküche“ initiiert. Bis zu 80 Menschen, Einheimische und Geflüchtete, kommen drei bis vier Mal im Jahr zur kulinarischen Völkerverständigung zusammen. Regelmäßig sammelt Marlies Siegert (F.u.) auch alte Stifte und Kugelschreiber für die Aktion „Stifte machen Mädchen stark“. Der Erlös aus deren Recycling kommt einer Bildungsinitiative für Mädchen in jordanischen Flüchtlingslagern zugute.
Lübbenerin Marlies Siegert (Fo.o.li.) hat die „Weltküche“ initiiert. Bis zu 80 Menschen, Einheimische und Geflüchtete, kommen drei bis vier Mal im Jahr zur kulinarischen Völkerverständigung zusammen. Regelmäßig sammelt Marlies Siegert (F.u.) auch alte Stifte und Kugelschreiber für die Aktion „Stifte machen Mädchen stark“. Der Erlös aus deren Recycling kommt einer Bildungsinitiative für Mädchen in jordanischen Flüchtlingslagern zugute. FOTO: Franziska Dorn
Lübben. Marlies Siegert aus Lübben mag keine Ungerechtigkeiten, egal, ob vor ihrer Haustür oder in entlegenen Gebieten dieser Welt. Darum engagiert sie sich für Flüchtlinge vor Ort und in der Ferne, für Frauen oder für Kaffeebauern in Guatemala.

Tausende ausgediente Kugelschreiber, Fasermaler, Füller und Stifte füllen Kisten im Flur und in den Büroräumen des Richard-Raabe-Hauses in Lübben. Denn Mitarbeiterin Marlies Siegert sammelt Stifte. Sie beteiligt sich an der bundesweiten Aktion „Stifte machen Mädchen stark“. Dabei werden ausgediente Stifte gesammelt und recycelt. Der Erlös kommt einer Bildungsinitiative für Mädchen in jordanischen Flüchtlingslagern zugute. Ihr Aufruf dazu zeigte Wirkung. Fast Täglich trudeln Stifte ein. Knapp 80 Kilogramm hat sie bei der Post auf den Weg gebracht.

Gute Taten sind Marlies Siegerts Ding. Als 2016 klar war, dass die Flüchtlinge in Deutschland mehr als ein Dach über den Kopf brauchten, entwickelte sie die „Weltküche“ als Ort der Begegnung für Einheimische und Geflüchtete. Das Prinzip ist einfach und erfolgreich. Geflüchtete Menschen erzählen etwas über sich und ihre Kultur, in dem sie für andere kochen oder backen. Bis zu 80 Menschen unterschiedlicher Nationen finden sich drei bis vier Mal im Jahr zur kulinarischen Völkerverständigung ein. Die simple Erkenntnis: Wer zusammen an einem Tisch sitzt, streitet nicht so schnell und erfährt etwas über sein Gegenüber.

In der Paul-Gerhardt-Straße geht Marlies Siegert offiziell als Sekretärin von Superintendent Thomas Köhler und als Gemeindesekretärin ihrer Arbeit nach. Inoffiziell leistet sie mehr. Jeder bekommt Antwort und Hilfe, pragmatisch und oft mit einem Scherz auf den Lippen. Und es sind viele, die kommen: Menschen mit dienstlichen Anliegen, aber auch Geflüchtete. Es hat sich herumgesprochen, dass auf „Frau Malies“ Verlass ist. Sei es bei Alltagsdingen oder beim Zurechtfinden im deutschen Behörden-Wirrwarr. Für das, was Sie nicht kann, sucht sie die Fachleute und verbindet Suchende und Antwortgebende.

Es ist ihr christlicher Glaube, der sich in einem unprätentiösen Dienst am Nächsten ausdrückt. Erst kürzlich ist sie Patin für einen zum Christentum konvertierten Jungen aus dem Iran geworden. Nach der Arbeit wechselt Marlies Siegert oft nur eine Etage tiefer in die Gemeinderäume, von wo aus sie ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgeht: Menschen zueinander bringen.

Vor allem Frauen will sie stärken. Als ehrenamtlich tätige Beauftragte für Frauen im Kirchenkreis lädt sie monatlich zur „Frauenzeit“ ein. Hier treffen sich Frauen mit starkem, weniger oder gar keinem religiösen Hintergrund, um über Gott und die Welt zu plaudern, kreativ zu sein, zu kochen oder auf Reisen zu gehen - gedanklich und real.

In den Sommermonaten, wenn sie etwa auf „Frauen-Mut-Mach-Tour“ im Kirchenkreis unterwegs sind. Sie möchte Frauen ermuntern, sich zu organisieren, zu vernetzen und Initiative zu zeigen.  Dazu sagt sie: „Frauen Mut zu machen, sich selbstbewusst Räume zu schaffen, groß zu träumen, da möchte ich gern mithelfen. Klar, es geht um Gleichberechtigung und Teilhabe, große Begriffe. Ich vertraue ganz auf die Kraft der kleinen Schritte.“

Marlies Siegert ist auch im Vorstand der Frauen in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz vertreten. Hier erhebt sie ihre Stimme für Frauen in den ländlichen Bereichen. Deren Bedürfnisse sollten noch mehr Gehör finden, meint sie. Eng damit verbunden ist der Weltgebetstag, eine weltweite von Frauen organisierte ökumenische Initiative gegen Ungerechtigkeiten an teils vergessen wirkenden Orte dieser Welt. Dass dieser Tag jährlich in mehr als 50 Orten im Kirchenkreis Niederlausitz von Frauen organisiert und mit großem Interesse gefeiert wird. Daran hat sie auch Anteil.

2012 hatte sie sich aufgemacht, Frauen mit Materialien und Ideen für die Feiern zum Weltgebetstag auszustatten. Ihre Vorbereitungstreffen sind mittlerweile legendär, auch wegen der exotischen Speisen des jeweiligen Referenzlandes. Schnell kann Marlies Siegert sich in Rage reden, wenn es etwa um ungerechte ökonomische Bedingungen der Kleinbauern in Afrika oder Südamerika geht.

Der „Eine-Welt-Laden“, untergebracht in einem Separee im Richard-Raabe-Haus, führt fair produzierte und gehandelte Waren wie Schokolade, Kaffee, Tee, Kakao und Kunstgewerbe und wird von Marlies Siegert betreut. Kirchengemeinden bestellen bei ihr Ware für Veranstaltungen. Kistenweise geht es dann fair zu.

Für die Zukunft gibt es Expansionspläne. Der eintretende Ruhestand soll dann der richtige Moment sein, um mit dem „Eine-Welt-Laden“ in ein echtes Ladengeschäft umzuziehen. „Lasst uns groß träumen.“ Dieses Motto hat Marlies Siegert aus Kuba mitgebracht und schon längst in ihr Leben übernommen. Sie hat viele Ideen und findet immer Menschen, die sich dafür begeistern lassen.

Marlies Siegert
Marlies Siegert FOTO: Franziska Dorn