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Nicht ohne uns
Die Nachbarn heißen Turmfalke, Reh und Storch

Die beiden Rehe haben sich in in der Wildtierauffangstation gut entwickelt. Tierärztin Susanne Schmidt wurde kürzlich für ihr Engagement mit dem Tierschutzpreis geehrt.
Die beiden Rehe haben sich in in der Wildtierauffangstation gut entwickelt. Tierärztin Susanne Schmidt wurde kürzlich für ihr Engagement mit dem Tierschutzpreis geehrt. FOTO: Antje Müller
Cottbus. Susanne Schmidt setzt sich leidenschaftlich für verletzte Wildtiere ein. Die Tierärztin betreibt seit 30 Jahren auf ihrem Grundstück in Skadow eine Wildtierauffangstation.

Auf ihrem großen Grundstück in Cottbus-Skadow lebt Susanne Schmidt mit ihrem Mann und einer illustren Tierschar. Mäusebussarde, Rotmilane, Rehe, Marderhunde, Weißstörche, Turmfalken, Waschbären, Eichhörnchen, Nebelkrähen und Igel werden bei ihr gesund gepflegt und nach Möglichkeit wieder in die Natur ausgewildert.

Etwa 80 Tiere leben in der Wildtierauffangstation in Skadow.

Angefangen hat alles vor 30 Jahren, als ein entkräfteter Höckerschwan vor der Tür von Familie Schmidt saß Hilfe brauchte und diese von der Tierärztin bekam. „Wildtiere fallen oft durchs Raster. Für sie fühlt sich keiner verantwortlich und es gibt auch keine Fördermittel“, sagt Susanne Schmidt. Als Tierärztin sei es ihr jedoch eine Herzensangelegenheit, allen Tieren zu helfen, ihre Schmerzen bei Verletzungen zu lindern. Anfangs wurden 20 bis 25 Tiere pro Jahr bei ihr abgegeben, mittlerweile sind es um die 100 Tiere pro Jahr. Ziel ist es immer, die Tiere nach der Genesung wieder auszuwildern, sie gar nicht erst auf den Menschen zu prägen, ihre natürliche Scheu zu erhalten. Doch nicht immer ist eine Rückführung in die Natur möglich. Viele Tiere sind zu dauerhaften Nachbarn und oder Mitbewohnern geworden. Diese Tiere helfen nun anderen Artgenossen, ihre Angst in fremder Umgebung zu überwinden. Sie strahlen die nötige Ruhe, damit sich die Tiere helfen lassen und bald wieder in ihre natürliche Umgebung zurückkehren können. Das trifft vor allem für Greifvögel zu.

Im Frühsommer kommen hauptsächlich Jungtiere zu Susanne Schmidt, die sich verletzt haben, oder wo die Mutter ums Leben gekommen ist. Problematisch sei vor allem die Situation bei Rehkitzen. „Aus falsch verstandener Tierliebe werden Rehkitze gern gestreichelt. Doch wenn die Ricke den menschlichen Geruch wahrnimmt, verstößt sie ihr Junges“, warnt die Veterinärmedizinerin.

Im Herbst sind es oft Igel, die zur Überwinterung gebracht werden. „Ich kann nicht jeden Igel aufnehmen, aber ich gebe gern Tipps, wie man sich verhalten muss“, sagt Susanne Schmidt. Man könne den Igeln helfen, wenn man für sie einen Winterschlafplatz aus trockenem Laub herrichtet, Katzenfutter aus der Büchse und Wasser bereit stellt. Etwa 500 Gramm müssten die Igel auf die Waage bringen, um gut über den Winter zu kommen.

Als einen wichtigen Bestandteil ihrer Arbeit sieht Susanne Schmidt die Aufklärung. So gibt es im Frühjahr zahlreiche Anrufe, wenn ein Vogelnest heruntergefallen ist. „Da kann jeder einfach helfen, indem ein Ersatznest in der Nähe aufgehängt wird und die Jungen wieder ins Nest gepackt werden. Viele sind dankbar für ihre Ratschläge, aber Susanne Schmidt hat auch schon schlechte Erfahrungen gemacht: „Manche Menschen vergessen die Verhältnismäßigkeit, sind unhöflich und fordernd. Sie klingeln uns mitten in der Nacht aus dem Bett und verlangen, dass wir sofort kommen, weil sich ein Spatz verletzt hat. Sie vergessen auch, dass wir das alles ehrenamtlich machen.“

Eine gute Zusammenarbeit pflegt die Wildtierauffangstation auch mit der Feuerwehr. Etwa ein Viertel der Tiere wird über die Tierrettung der Feuerwehr abgegeben. Seit einigen Jahren verfügt die Feuerwehr über einen speziellen Gerätewagen zur Tierrettung. „Anfangs ist die Feuerwehr manchmal mit einem Löschwagen und acht Mann Besatzung angerückt, um uns eine Krähe oder Amsel zu bringen“, erzählt Susanne Schmidt schmunzelnd. Manchmal sei sogar der Notarztwagen gekommen, um ein verletztes Wildtier zu bringen.

Viele Jahre haben Susanne Schmidt und ihr Mann Frank die Versorgung und Unterbringung der Wildtiere aus der eigenen Tasche gezahlt. 2011 haben sie einen Verein gegründet, der jetzt zehn Mitglieder zählt und dessen Vorsitz Frank Schmidt inne hat. So sei es möglich, dass Firmen oder Privatpersonen eine Qittung für die dringend benötigten Spenden ausgestellt werden kann. Auch mit der Stadt Cottbus gibt es eine gute Zusammenarbeit, auch wenn die Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung begrenzt sind.

Gefreut hat sich der Verein auch über eine Spende der Astrid-Lindgren-Schule. Einige Schüler durften sich auf dem Gelände der Wildtierauffangstation umsehen, um zu schauen, wie die Tiere hier gesund gepflegt werden. „Generell ist es allerdings schwierig, dass Besucher vorbeikommen. Die Wildtiere sind nicht an Fremde gewöhnt und sollen es auch nicht. Es sind Fluchttiere, die die Distanz brauchen. Sonst kann es zu Fehlprägungen kommen und es wird schwierig, die Tiere wieder auszuwildern“, erklärt die Tierärztin. Ihre Schützlinge lässt sie nie alleine. Darum haben Schmidts seit 17 Jahren keinen Urlaub mehr gemacht. „Ich kann die Tiere ja nicht in ein Tierheim geben. Sie sind an mich gewöhnt und ich fühle mich für sie verantwortlich“, sagt sie. Für ihr ehrenamtliches Engagement ist Susanne Schmidt kürzlich mit dem Deutschen Tierschutzpreis ausgezeichnet worden. Von 300 eingereichten Projekten erreichte sie mit der Wildtierauffangstation den 2. Platz.

Kennen Sie auch jemanden, der sich ehrenamtlich engagiert und einmal in der Zeitung vorgestellt werden sollte? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail mit ihrem Vorschlag an cottbus@lausitzer-woche.de