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Ehrenamt: Nicht ohne uns
Der musikalische Motor

Mit dem Rasentraktor zieht er über Wiese und Asphalt: Kirchenältester Kliem kümmert sich um die Pflege kirchlicher Gebäude und Flächen.
Mit dem Rasentraktor zieht er über Wiese und Asphalt: Kirchenältester Kliem kümmert sich um die Pflege kirchlicher Gebäude und Flächen. FOTO: Volkmar Küch
Drebkau.. Trompetenblech und Holz sind zwei große Leidenschaften des Lebenswegesvon Klaus-Harald Kliem, der sich zwischen Krieg und Frieden, Flucht und Vertreibung, Glauben und Hoffnung, Wohlbefinden und Krebsleiden, Ohnmacht und Begeisterung entlang zieht.

Klaus-Harald Kliem, der 81-jährige Greifenhainer, stellt sich nach wie vor in den Dienst der Allgemeinheit, die den Hornisten auch als Vater der „Fidelen Gaglower“ schätzt. Seine handwerklichen Qualitäten in Haus und Hof befähigen ihn als ehrenamtlichen „Hausmeister“ des Gemeindekirchenrates.

Klaus-Harald Kliems Leben begann 1937 in Glogau, unweit von Breslau. Dort hatte der Vater eine große Tischlerei. Die Bekanntschaft mit Holz und Handwerk hat er in frühester Kindheit gemacht. Wer weiß, wie intensiv sie noch geworden wäre, wenn er nicht mit Mutter und Oma auf den Flüchtlingstreck gemusst hätte. „Deswegen verstehe ich es nicht, wie abfällig heute vielfach über Mütter und Kinder auf der Flucht geredet wird“, meint er nachdenklich.

1945, nach kurzem Aufenthalt in Cottbus, landete die Familie in Niesky. Ährenlesen gehen für die Mahlzeiten und beten, dass es mal besser wird. „Der Pastor wollte mich in den Posaunenchor. Da blies ich zuerst Trompete.“ Schließlich Nachdenken über die Zukunft. „Tierarzt wollte ich werden. Doch das durfte ich nicht studieren, weil ich kein Arbeiter- und Bauernkind war.“ Also lernte der Klaus erstmal Waggonbauer wie viele in der großen LOWA. Das war auch ein Glück – wegen des großen Werksorchesters, dem er sich dort anschließen konnte. Der Kulturhausleiter bewog ihn, sich an der Berliner Musikhochschule zu bewerben. Dort wechselte er zu den Hornisten und lernte bei Professor Döhler, der auch Solohornist an der Komischen Oper war. Solche Ausbildung brachte ihm 1961 ein Engagement im Regierungsorchester der DDR.

Neun Jahre später war Schluss mit der Musik zu zentralen Empfängen und Staatsanlässen. Hornist Kliem wollte nicht in die Partei, er glaubte an Gott. Und das tut er nach wie vor, wenngleich er auch die geistigen Leistungen von Marx und Engels schätzt. „Sie erklären manches …“ Doch nicht alles. Zum Beispiel, dass der Musikermangel Klaus Kliem 1970 zum Zentralen Orchester der Luftstreitkräfte unter Altmeister Horst Hoffmannbeck nach Cottbus führte. Bis zur Wende blies er dort. Die Bundeswehr wollte ihn nicht mehr. „Mit Mitte 50 zu alt.“

Doch nicht zu alt für den Neuanfang. „Du musst nicht die Backen aufblasen, sondern die Lippen spannen“, hatte ihm der Professor ganz zu Anfang gesagt. Und das ist heute eine Art Motto von Kliem. Er, der Trompeter, Hornist und Notenwart hat Klassik, Märsche, Polka, Walzer und Tanzmusik gespielt – und auch gutes Geld verdient. Doch er möchte auch, „dass die Leute was haben“, woran sie sich erfreuen. Dafür hat er nicht erst gesorgt, seit er Anfang der 1990er die 16 „Fidelen Gaglower“ um sich scharte. Oder als er am Cottbuser Konservatorium Kindern und Jugendlichen Unterricht im Spielen des Hornes gab. Hunderte Male aufspielen zum Konzert in Casel, Tauer oder Cottbus, zum Zampern in Gaglow, Greifenhain oder Ströbitz, zum Karneval in Gaglow ,im Kindergarten zum Kindertag, zu Seniorenfeiern, Dorf- und Stadtfesten – da geht einem schon vom Aufzählen die Puste aus.

Und auch bei dem altgedienten Musiker Kliem ist längst nicht mehr so viel Luft drin wie früher. Einige Gebrechen und die Chemo haben an seinen Kräften gezehrt. Doch er ist zufrieden, wenn er noch ab und an die Lippen spannen und dem Horn gut anzuhörende Töne entlocken kann. Langsame Musik, zum Beispiel auf Trauerfeiern, gelingt ihm noch am besten – auch das muss sein. Und beim Zampern in Greifenhain mitspielen, das will er auch noch. Er hat fast all die gespielten Musiken gemocht. Die „Annemarie“ aber, die muss man mögen, oder zumindest oft spielen. Die Leute hierzulande sind süchtig nach ihr.

Als Pfarrer Hans-Christoph Schütt ihn fragte, ob er mit Wort und Tat, Pflege- und Reparaturarbeiten als Gemeindekirchenratsmitglied wirken würde, hat er sinngemäß geantwortet: Schon in der Bibel steht geschrieben, die Alten lasset schweigen in der Gemeinde. Er macht eine kurze Pause, schmunzelt „Na, nu mach ich`s eben“. Der Kirchenälteste setzt sich auf seinen kleinen Rasentraktor mit Hänger und fährt ins Dorf, die Kirchenwiese abmähen.

Klaus-Harald Kliem hat viele Jahre als Hornist gearbeitet: „Ich habe so ziemlich alle Richtungen gespielt und sehr viele Noten geschrieben.“
Klaus-Harald Kliem hat viele Jahre als Hornist gearbeitet: „Ich habe so ziemlich alle Richtungen gespielt und sehr viele Noten geschrieben.“ FOTO: Volkmar Küch
Auch auf dem Saxophon zu Hause: Klaus-Harald Kliem beim Zampern in Radensdorf. Seine Frau Ilona spielt oft die große Trommel.
Auch auf dem Saxophon zu Hause: Klaus-Harald Kliem beim Zampern in Radensdorf. Seine Frau Ilona spielt oft die große Trommel. FOTO: Volkmar Küch