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Nicht ohne uns
Wo die Kunden nichts bezahlen müssen

Anke Eichhorn (l.) und Lina Wernicke im „Kost-Nix-Laden“ an der Deffkestraße. Zum Team gehören noch weitere ehrenamtliche Helfer. Sie alle machen sich für einen bewussteren Konsum stark.
Anke Eichhorn (l.) und Lina Wernicke im „Kost-Nix-Laden“ an der Deffkestraße. Zum Team gehören noch weitere ehrenamtliche Helfer. Sie alle machen sich für einen bewussteren Konsum stark. FOTO: Isabel Damme
Cottbus. „Beinahe alles, was ein Mensch im Leben braucht, steht bei jemand anderem ungenutzt in der Ecke.“ Davon ist Lina Wernicke überzeugt. Anstelle von ständigem Neukauf fordert die Cottbuserin dazu auf, bewusster zu konsumieren und erst die genutzten Ressourcen auszuschöpfen. Um diesen Gedanken zu fördern, setzte sie sich vor fünf Jahren für die Gründung des „Kost-nix-Laden“ ein und unterstützt ihn seither mit ganzem Herzen.

Heute befindet sich in der Deffkestraße 11 ein kleiner und gemütlicher Laden, dessen Regale mit allerhand Nützlichem gefüllt sind. Das Repertoire reicht von Babysachen über Haushaltswaren bis hin zu Büchern. Den Laden machen drei Besonderheiten zu einem seltenen Phänomen. Erstens: Alles, was man in diesem Geschäft kaufen kann, wurde gespendet. Zweitens: Anders als gewohnt wird hier nichts bezahlt. Drittens: Der „Kost-nix-Laden“ wird von einem Team aus etwa zehn ehrenamtlichen Helfern geführt.

Donnerstag von 16 bis 19 Uhr, Dienstag und Sonnabend zwischen 11 und 14 Uhr ist jeder Willkommen um sich an dem konsumkritischen Projekt zu beteiligen.

Grundsätzlich kann alles Wiederverwendbare abgegeben werden. „Wo sich der eine freut, dass er den Kitsch losgeworden ist, freut sich der nächste riesig, wenn er ihn zwischen den Regalen entdeckt“, erklärt Anke Eichhorn. Es gibt nur wenige Ausnahmen: Kriegsspielzeug, Unterwäsche, gebrannte Datenträger und auch Drogerieartikel werden nicht angenommen. Die Cottbuserin ist seit zwei Jahren im Schichtbetrieb des Ladens aktiv und möchte die Zeit nicht mehr missen. „Ich habe damals eine Beschäftigung gesucht, bei der ich auf viele Menschen treffe. Mir geht das Herz auf, wenn ich sehe, wie der Laden genutzt wird, jedes Mal, wenn ich glücklich leuchtende Augen sehe.“

Doch auch außerhalb der Öffnungszeiten gibt es viel zu tun. Putzen und Sortieren nehmen etwa neun Stunden in der Woche in Anspruch. „Der Saisonwechsel ist jedes Mal eine logistische Meisterleistung.“

Viele „fleißige Bienchen“ unterstützen das Projekt, so auch Jihad Nassro. Der Syrer ist seit einem halben Jahr im Team und somit der neueste Zuwachs. „Er begann uns wortlos beim Tragen, Putzen oder Kaffeekochen zu unterstützen und ist seither ein liebgewonnener Helfer“, erzählt Anke Eichhorn.

Verstärkung ist übrigens immer gern gesehen. „Jeder, der Lust hat, Verantwortung zu übernehmen, ist bei uns richtig.“

Lina Wernicke zieht derzeit eher im Hintergrund die Strippen. Die Organisation von Events, Finanzen oder auch das Betreuen der öffentlichen Kanäle sind ihr Steckenpferd. In den letzten Jahren war das Kost-Nix-Team bei verschiedenen Stadtfesten oder auch dem alternativen Weihnachtsmarkt dabei. „Wir versuchen, unsere Kisten der Umwelt zu Liebe immer ohne Autos zum Event zu transportieren“, schwärmt sie. Daher geht es oft mit vollgepackten Handkarren und Fahrrädern durch die Stadt.

Vor knapp fünf Jahren kam Lina Wernicke mit einer Hand voll Gleichgesinnten auf die Idee. Unter der Schirmherrschaft des Vereins für ein Multikulturelles Europa waren Konzept und Logo schnell aufgestellt. „Die größten Hürden waren die Suche nach einem passenden Ort und das Finanzkonzept zum Zahlen der Miete.“ Heute werden die Betriebskosten durch Spenden und Mietpatenschaften getragen.

Neben dem solidarischen Gedanken, sich gegenseitig zu helfen, unabhängig von der Herkunft und dem finanziellen Status, soll das Projekt die Cottbuser anregen, der Wegwerfgesellschaft ein Stückchen zu entfliehen und somit die natürlichen Ressourcen zu schonen. „Jedem sollte bewusst werden, dass gebraucht nicht automatisch oll heißt. Den meisten Dingen sieht man gar nicht an, ob sie produktionsfrisch sind oder schon eine Vergangenheit haben“, erklärt das Gründungsmitglied.

Auch wenn man aus der Gesellschaft gewohnt ist, Produkte nur für eine Gegenleistung zu bekommen, betont Lina Wernicke, dass im „Kost-Nix-Laden“ keine Tauschgeschäfte abgewickelt werden. „Man sollte sich auf keinen Fall schämen, wenn man sich kostenlos einen Pulli bei uns holt. Wir betreiben das Projekt nicht für Bedürftige, sondern primär für unsere Umwelt.“

Durch den Laden hat Lina Wernicke in den letzten Jahren nicht nur viele neue Freunde getroffen, sondern auch das Loslassen gelernt. „Mein Kleiderschrank ist dadurch sehr sortiert und wechselhaft.“ Allen, die sich auch am Aussortieren probieren wollen, gibt sie folgenden Tipp: „Hattest du ein Teil die ganze Saison nicht an oder überrascht es dich überhaupt, dass du es in deinem Schrank gefunden hast, dann ist jemand anderes damit glücklicher.“ ⇥