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Nicht ohne uns
Auf der „Räuberleiter“ ins Berufsleben

Insgesamt gibt es derzeit bei der Spremberger Freiwilligenagentur vier Mentoren. Hans-Joachim Petrick (r.) ist einer von ihnen. Mit der „Räuberleiter“ möchte er Jugendliche bei der Berufswahl unterstützen.
Insgesamt gibt es derzeit bei der Spremberger Freiwilligenagentur vier Mentoren. Hans-Joachim Petrick (r.) ist einer von ihnen. Mit der „Räuberleiter“ möchte er Jugendliche bei der Berufswahl unterstützen. FOTO: Anja Guhlan
Spremberg.. Kinder wussten früher, wie das geht, eine Räuberleiter. Um Hindernisse zu überwinden, wurden aus zwei Händen eines Anderen ein fester Tritt. Auf dem gleichen Prinzip funktioniert auch die Aktion „Räuberleiter“ in Spremberg. Sozial enga­gierte Mentoren wie Hans-Joachim Petrick unterstützen ehrenamtlich Neuntklässler bei der Berufswahl und dem Einstieg ins Erwachsensein. Eine nicht ganz so leichte Aufgabe, wie der Ehrenamtler sagt.

Seit vier Jahren engagiert sich Hans-Joachim Petrick  (66) ehrenamtlich bei der Aktion „Räuberleiter“. Das Projekt der Wirtschaftsförderung der Stadt Spremberg, der Freiwilligen Agentur und der Berufsorientierten Oberschule  in Spremberg (BOS) gibt es seit dem Jahr 2013. Es richtet sich an Jugendliche, speziell Neuntklässler, in der Phase der Berufsfindung. Aktuell betreut Hans-Joachim Petrick zwei Schüler der BOS.

Viele Jugendliche fragen sich gegen Ende der Schullaufbahn, wie es weiter gehen soll und welchen Beruf sie erlernen wollen. „Genau da möchten wir als Mentoren ansetzen und Orientierungshilfe geben“, erklärt Hans-Joachim Petrick, der im Bereich Berufsfindung freiwillig seine Unterstützung anbietet. Die Betreuung dabei ist exklusiv: Jeder Schüler oder jede Schülerin hat eine feste Begleitperson, die Mut macht, den Schützling stärkt und wertvolle Tipps gibt. „Dabei sucht sich der Schüler oder die Schülerin selbst die Begleitperson aus“, erklärt der 66-Jährige. In einer Art Speed-Dating-Runde (schnelle Kennenlern-Runde) testen die Schüler ihre jeweiligen Mentoren auf Sympathie, Persönlichkeit, bisherige Tätigkeiten und ähnliche Interessen, bevor sie sich für einen festen Mentor entscheiden. „Dieser praktizierte Weg ist sinnvoll. Junge Menschen haben bei so einer Wahl weniger Vorurteile und damit ein besseres Gefühl für eine sinnvolle Entscheidung“, sagt Petrick, der bereits einen Mentee, also einen Jugendlichen, erfolgreich unterstützt hat.

Petrick besitzt als Senior eine hohe Berufs- und Lebenserfahrung, die er an seine Mentees weiterreichen kann. Seine Ausbildung zum BMSR-Mechaniker, sein Hochschulingenieurstudium sowie seine beruflichen Tätigkeiten im Bereich Technik mit Leitungsfunktionen machen ihn zu einem kompetenten Mentor. Gleichzeitig kann er als Ehemann und Vater von zwei Kindern sowie Großvater von drei Enkeln auch sozial etwas vermitteln.

Regelmäßig, jedoch ganz individuell trifft er sich mit seinem Schützling. Wie oft, wann und wo – das entscheiden beide zusammen. Petrick vereinbart jedoch gerne mit seinem Schützling meist einmal pro Woche einen Termin. „Oft gehe ich mit den Schülern locker eine Runde spazieren. Ich erwarte dabei, dass die Schüler pünktlich zum Termin erscheinen. Da geht es mir um grundsätzliche Werte wie Pünktlichkeit, Disziplin und gegenseitigen Respekt. Wenn sie mal keine Zeit haben, ist eine Absage jederzeit akzeptabel und unbedingt notwendig“, meint der Senior.

Normalerweise betreut er seine Menti zwei Jahre lang. Wie die Betreuung konkret stattfindet, ist individuell. „Es gibt da keine Vorschriften oder Anleitungen. Ich möchte bewusst auf den jeweiligen Menschen und die Persönlichkeit eingehen. Dazu muss ich auch erst einmal an diese Persönlichkeit herankommen“, gesteht Petrick. Das gelingt mal leichter, mal schwieriger. „Manchmal hilft bei unseren Spaziergängen die Natur, mein Hund oder die frische Luft, um den Zugang zu dem Schüler zu bekommen.“

Seine Aufgaben sind dann meist, falsche Vorstellungen oder Vorurteile abzubauen, Hinweise auf Praktika und Berufsorientierungsstellen aufzuzeigen, Tipps bei Bewerbungen oder persönlichen Vorstellungen zu geben. Nachhilfe gibt er nicht, betont Petrick und gesteht, dass er da selbst überfordert wäre. „Reden kann man aber über alles, vielleicht  wird auch Vergessenes wieder dazu gelernt“, ergänzt er.

„Die Schüler können alle Fragen zur Berufsorientierung stellen, keine Frage ist zu dumm. Antworten erhält er oder sie immer. Ob gleich oder etwas später, falls ich mich erst erkundigen muss“, schildert der Spremberger und fügt hinzu: „Wir als Mentoren predigen auch nicht. Schüler sollen selbst Erfolge, aber auch Misserfolge erfahren und ertragen.“ Jeder sei halt seines Glückes Schmied.

Bei Problemen versucht Hans-Joachim Petrick einzulenken. „Oft ist es so, dass ich dann die Initiative ergreife. Das ist aber kein Problem für mich, denn Kinder oder Jugendliche haben noch nicht das richtige Pflichtgefühl oder die nötige Erfahrung.“

Geschult werden die Mentoren für ihre Beratertätigkeit in einer einwöchigen Veranstaltung. Wertvolle Hilfestellungen bekommen die ehrenamtlichen Mentoren von professionellen Berufsbegleitern und auch einer Psychologin. Oft ist die ehrenamtliche Betreuung von Schülern jedoch ein doppelter Gewinn, denn auch Petrick profitiert durch seinen Schützling durch weitere Erfahrungen und lernt etwas Neues dazu. „Mich macht es zufrieden, wenn ich anderen Menschen helfen kann. Wenn jemand Hilfe möchte und diese angenommen wird, was gibt es Besseres?“.

Petrick ist auch seit 56 Jahren im Tennissportverein und davon 22 Jahre als Abteilungsleiter freiwillig  tätig. In Zukunft will er auf jeden Fall weiter mit der „Räuberleiter“ Jugendlichen behilflich sein: „Solange es meine Gesundheit zulässt, wäre das schon schön, aber dazu gehören immer Zwei: Mentor und Mentee. Zudem wird man nicht so schnell älter, wenn man von jungen Menschen umgeben ist. Man wird nur alt, wenn man sie ablehnt.“