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Eine Menge zu bieten
Warschau ist hipper als sein Ruf

Nachts blüht die polnische Hauptstadt auf, deren Wahrzeichen der Kulturpalast ist.
Nachts blüht die polnische Hauptstadt auf, deren Wahrzeichen der Kulturpalast ist. FOTO: Fremdenverkehrsamt Warschau
Warschau. Was willst du denn in Warschau? Da gibt‘s doch nichts, alles grau, alles trist. Und überhaupt – ausgerechnet du? Als Vegetarierin? Die polnische Küche steht nun wirklich nicht im Ruf, besonders fleischarm zu sein. Für ein paar Euro mehr sind doch auch schon hippere europäische Städte zu erreichen, London zum Beispiel. Oder Barcelona! Wäre vielleicht eher was für dich?

(np) Solche oder ähnliche Reaktionen müssen Reisende befürchten, wenn sie in geselliger Runde von ihrem nächsten Kurztrip erzählen. Warschau ist für viele noch immer ein wenig reizvolles Urlaubsziel.

Zu Unrecht. Denn die polnische Hauptstadt hat jede Menge zu bieten, und das gerade für junge Menschen. Die können sich dort mittags ihre Zeit in einem der unzähligen angesagten Cafés oder hippen (vegetarischen und veganen) Restaurants vertreiben, sich abends in entspannter Atmosphäre in den Strandbars am Ufer der Weichsel auf die Nacht einstimmen, um dann zu später Stunde von Club zu Club zu ziehen. Doch fast das Beste folgt am nächsten Morgen: Beim Blick in den Geldbeutel müssen Feierwütige beileibe nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Denn all das ist, im Vergleich zu Europas beliebtesten Metropolen, für wenig Geld zu haben.

Aber auch für jene, die im Urlaub nicht nur nach gutem Essen und Trinken sowie durchzechten Nächten trachten, lohnt sich der Abstecher nach Warschau. Da gibt es zum einen die von Touristen überflutete Altstadt, die jüngste Europas. Im Zweiten Weltkrieg fast vollständig von den deutschen Truppen zerstört, im Jahr 1953 originalgetreu wiederaufgebaut, zählt sie seit nunmehr dreißig Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe. Und dann ist da ja noch dieser imposante Koloss aus Sandstein: Der Kulturpalast, ein Geschenk Stalins, an dem sich zwar seit 1955 die Geister scheiden, den aber auch seine erbittersten Gegner zweifelsohne als das Wahrzeichen Warschaus anerkennen müssen.

Im Zentrum der Stadt können historisch Interessierte auch viel über Warschaus Vergangenheit lernen, etwa im Museum zur Geschichte der polnischen Juden (Polin), das 2013 eröffnet wurde und tausend Jahre jüdisches Leben und Leiden thematisiert. Nur wenige Meter weiter steht das Mahnmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto, das mit Willy Brandts Kniefall 1970 in die Geschichte einging. Und wem das alles nicht genug war, wer noch mehr über die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, der fast 90 Prozent der Stadt in Schutt und Asche legte, erfahren will, der sollte das Museum des Warschauer Aufstandes ganz in der Nähe des Kulturpalastes aufsuchen. Alternativ geht es raus aus der Innenstadt auf die andere Seite der Weichsel in das alte Arbeiterviertel Praga, dessen Herrschaft seit einigen Jahren die junge Bevölkerung Warschaus, die Hipster, Street-Art-Künstler, Designer, kurzum: all die kreativen Seelen, an sich gerissen und kurzerhand zum „neuen“ Warschau geformt hat. So kann sich der Szenebezirk Praga mittlerweile mit vielen Superlativen rühmen, beispielsweise Europas einzigem Neon-Museum im Fabrikgelände „Soho Factory“. Dort blinkt wieder auf, was einst Hoffnung auf eine vielversprechende Zukunft machen sollte: 50 alte und aufwendig konservierte Neonschilder und -schriften aus der Zeit des Kalten Krieges. Nach Stalins Tod sollten sie das trostlose Grau der kommunistischen Bauten überstrahlen, heute schmücken die ausgestellten Leuchtreklamen Selfies von Retro-Liebhabern. Und noch etwas hat unlängst für Aufruhr gesorgt in Praga: die Eröffnung des neuen Wodka-Museums. In den alten Gemäuern der Destillerie erfahren Gäste nicht nur, welche Zutaten für das Nationalgetränk zusammenkommen müssen, damit es von den Einheimischen gehuldigt wird, sondern auch, wie der traditionell polnische Wodka am Ende schmecken soll. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass einige Besucher das Museum beschwipst verlassen.

Zugegeben, in Warschau mag man vielleicht nicht auf den Spuren bekannter Größen aus Film und Literatur wandeln und Woody Allen hat dort nie die Scheinwerfer für eine seiner umjubelten Komödien aufgestellt. Aber auch die Stadt an der Weichsel hat berühmte Söhne und Töchter, auf die sie stolz ist. Die Physikerin und Nobelpreisträgerin Marie Sklodowska-Curie zum Beispiel, über deren Leben und Werk ein Museum im historischen Zentrum informiert. Oder den Pianisten Frédéric Chopin, zu dessen Ehren jeden Sonntag von Mai bis September ein kostenloses Konzert im Königlichen Lazienki-Park gespielt wird.

So klingt auch der Kurzurlaub am besten aus: Ein Plätzchen auf der Wiese an Chopins Denkmal suchen, seinen Werken lauschen, das Wochenende noch einmal in aller Ruhe Revue passieren lassen. Und feststellen, dass Warschau es in der Tat aufnehmen kann mit London, Barcelona und wie sie alle heißen.

Warschau
Warschau FOTO: Agentur