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Freudenberg
Schnappschüsse vom Asthmahügel

In Freudenberg reihen sich Fachwerkhäuser aus dem 17. Jahrhundert dicht aneinander.
In Freudenberg reihen sich Fachwerkhäuser aus dem 17. Jahrhundert dicht aneinander. FOTO: Bernd F. Meier
Freudenberg. Welcher Fotograf war wohl der Erste? Der Allererste, der diese Ansammlung von Fachwerkhäusern in Freudenberg entdeckte, die heute in so vielen Wandkalendern auftauchen.

In den 1970er-Jahren sollen sie erstmals fotografiert worden sein, vom Standpunkt „Fotoblick“ aus dem Kurpark des Luftkurortes Freudenberg, erinnert sich Annegret Meurer in der Tourist-Information.

Zunächst macht sich der steile Weg hinauf (18 Prozent Steigung) auf den Kreislauf bemerkbar. Im Volksmund der einheimischen Freudenberger heißt die Anhöhe denn auch treffend Asthmahügel. Doch endlich oben angekommen, entschuldigt die Aussicht über den „Alten Flecken“ für alle Anstrengungen. Überall zücken Touristen aus aller Welt ihre Kameras und Fotohandys. Auf dem Weg zwischen Kölner Dom und Frankfurter Flughafen legen manche Reisegruppen in Freudenberg einen schnellen Fotostopp ein.

Um die 400 Bewohner leben in jenem Fachwerkensemble „Alter Flecken“. Dicht an dicht drängen sich die gepflegten Häuser, im 17. Jahrhundert wurden die meisten nach einem verheerenden Brand errichtet und haben alle Stürme der Zeit bis heute überdauert. Gerade einmal etwa 110 Meter lang ist die Seitenlänge der fast quadratisch angeordneten Besiedlung, schon seit Langem steht sie unter Denkmalschutz.

Siegen schickt die Besucher dagegen erst mal in düstere Straßentunnel, dann durchs Straßengewirr bergan zum Oberen Schloss. Ingrid Heinz ist eine der Siegener Stadtführerinnen und weiß jede Menge Details zu der
alten und neueren Geschichte der Stadt. So würdigt etwa das Regionalmuseum im Schloss Siegens größten Sohn Peter Paul Rubens. Der Maler wurde hier am 28. Juni 1577 geboren. Vermutlich, wie es heißt. Das exakte Datum ist unbekannt.

Zum Museum zählt auch ein kleines Schaubergwerk. 5000 Erzgruben soll es früher im Siegerland gegeben haben. Bis in die 1960er-Jahre wurde Erz gefördert. Heute spielen Eisenverarbeitung, Maschinenbau und die Automobilzulieferer die Hauptrolle in den teils engen Tälern des Siegerlandes. Ingrid Heinz rechnet vor: „Wir haben hier in der Region über 100 Unternehmen, die auf ihrem Gebiet Weltmarktführer sind.“ Weitgehend zerstört wurde die Innenstadt im Zweiten Weltkrieg, erhalten blieb das historische Handwerkerviertel. Schwarzweißes Fachwerk säumt die engen Gassen, Studenten hausen im Quartier – junges Leben in alten Mauern.

Raus aus der Großstadt direkt in den Wald bei Lützel. Scheinbar endlos scheint das Grün an der Eisenstraße, Laub- und Nadelwälder entlang der historischen Handelsroute. Bereits Kelten und Germanen nutzten den Weg, wie 2500 Jahre alte Wallanlagen in der Gegend bezeugen. Und im Hochmittelalter war die Strecke ein Teil der Verbindung Leipzig – Köln. Schnur geradeaus verläuft die schmale Straße in die Einsamkeit und führt Reisende im Abstand von nur wenigen Kilometern zu den Quellen von Eder, Sieg und Lahn. Nur ein paar Kilometer weiter lockt das Forsthaus an der Lahnquelle zu einer Rast, bevor die Tour nach Bad Berleburg mit dem imposanten Schloss fortgesetzt wird.

Ein Schloss aus dem Jahr 1733 als Museum, aber vor allem als Wohnstätte: Seit über 750 Jahren lebt dort ununterbrochen die Fürstliche Familie zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg. Das sei hierzulande einmalig, erläutert Schlossführerin Barbara Lenz beim Rundgang. An manchen Tagen werde das Schloss zum Konzertsaal und bei familiären Anlässen zum Treffpunkt europäischen Hochadels und gekrönter Häupter.

Die Fürstenfamilie pflege ihre engen, verwandtschaftlichen Bindungen, etwa zum dänischen Königshaus. „Was glauben Sie hat es mit dieser Couch auf sich?“, fragt Barbara Lenz die Schlosstouristen. Und gibt sogleich selbst die Antwort: „Hier gaben sich Beatrix, die Königin der Niederlande, und der Deutsche Adelige Claus von Amsberg ihren ersten Kuss!“ Große Geschichte wurde und wird hier geschrieben, im kleinen Bad Berleburg mit seinen 21 000 Einwohnern, auf riesiger Fläche verteilt in 23 kleinen Ortschaften.

Tiefe Täler und weite Wälder werden auf dieser Wochenendreise durchquert, vorbei an industriellen Weltmarktführern, europäischem Hochadel, drei Quellen und jeder Menge Kultur. Und zum Abschluss gibt es für Reisende noch einen Superlativ obendrauf: Bei der Wanderung in der Wisent-Wildnis können sie Bisons beobachten, die größten Landsäugetiere Europas. Im Rahmen eines Artenschutzprojektes leben die tonnenschweren Kolosse im 20 Hektar großen Wildgatter bei Wingeshausen.

Landkarte Freudenberg
Landkarte Freudenberg FOTO: news-pool