| 16:38 Uhr

Reise
Montenegros größter Schatz

Montenegro
Montenegro FOTO: Sabine Mattern
Kotor. 461 Stufen sind kein Pappenstiel. Ein wenig Kondition sei empfohlen für den Aufstieg zum Mausoleum Petar II. Petrovic Njegoš‘, das mutterseelenallein 1657 Meter hoch auf dem Gipfel Jezerski Vrh thront. Ein imposantes Grabmal haben die Montenegriner ihrem legendären Fürstbischof und Dichter bauen lassen. Von Sabine Mattern

Wer seinen Ausflug zum Mausoleum mit einer Wanderung krönen will, findet in der Wildnis des Nationalparks Lovcen ein perfektes Terrain. Wer nur der schönen Aussicht wegen da war, fährt zurück wie er gekommen ist: über die Straße, die das abgelegene Dorf Njeguši mit dem Unesco-geadelten Kotor verbindet und damit über zahllose Serpentinen, die der Mensch in das weiße Karstgestein des Berges geschlagen hat. Immer wieder lädt auf dieser Strecke eine Parkbucht zum Anhalten, wie ein Balkon über der Landschaft. Unten in der Tiefe zeigt sich die ganze Pracht eines Naturwunders, ein Märchenreich mit Welterbe-Status: die Bucht von Kotor. Fast 30 Kilometer weit hat sich da das Meer ins Land gefressen, eingefasst von den steilen Felswänden des Lovcen- und Orijen-Gebirges sowie den Ufern der Halbinseln Luštica und Vrmac. Sie schieben sich wie eine bucklige Landmasse ins Wasser und geben der fjordartigen Bucht die Form eines Schmetterlings. Etliche Orte pflastern die Küstenlinie und nicht wenige haben das kulturelle Erbe von Römern, Türken oder Venezianern bewahrt, die über Jahrhunderte ihre Hände nach dem strategisch günstigen Naturhafen ausstreckten.

Ein echtes Juwel der Bucht ist Perast. Nach einer gelungenen Restaurierung der verlotterten und durch das Erdbeben von 1979 zusätzlich geschundenen Stadt liegen die Häuser, Paläste und Kirchen aus dem Barock wieder wie zu ihrer Glanzzeit als leuchtend weißer Streifen zwischen Meer und Berg. Lauschig sitzt man in den Lokalen der Promenade und genießt die Aussicht auf die beiden vorgelagerten Eilande: auf die „Insel der toten Kapitäne“, auf der ein Benediktinerkloster zwischen schwarzen Zypressen ruht. Und auf „Maria vom Felsen“, zu der Besucher in Booten übersetzen und deren Name schon etwas über ihre außergewöhnliche Geschichte erzählt.

„Im Jahre 1452 fanden zwei Fischer auf einem Felsen im Meer eine Ikone der Mutter Gottes“, weiß die Reiseführerin Rosanda Pupovic. „Sie brachten das Bild nach Perast, dessen wundergläubige Einwohner versprachen, der Jungfrau an Ort und Stelle eine Kapelle zu bauen.“ Da der Felsen für ein solches Unternehmen zu klein war, musste künstlich mehr Inselfläche geschaffen werden. Und da das Wasser recht tief war, dauerte das Vorhaben eine Weile. 200 Jahre lang schleppten die Leute in ihren Booten Steine heran und versenkten diese zusammen mit Wrackteilen gekenterter Piratenschiffe rund um den Felsen, bis im 17. Jahrhundert die Kirche gebaut werden konnte.

So schön Perast und seine Inseln auch sind, es geht noch besser. Nicht weit entfernt, am Ende der Bucht, breitet sich Kotor, die Perle Montenegros, vor der beeindruckenden Kulisse des Berges Sveti Ivan aus. Bis zu 20 Meter hohe Mauern umgeben die mittelalterliche Altstadt und klettern auf ihrem viereinhalb Kilometer langen Rundweg die Hänge hinauf bis zu einer Festung. Unten an der Riva öffnet das Meerestor die Befestigungsanlage und führt Kotors Besucher auf das glattpolierte Pflaster seines Hauptplatzes. Weitere Plätze, verknüpft durch enge Gassen, zerteilen das verworrene Häusermeer der Altstadt. Straßenmusiker, Eisverkäufer, Läden und Lokale sorgen für Leben. Auch abends, wenn es hier am schönsten ist. Wenn die Tagesgäste gegangen sind und man zwischen Einheimischen vor romantisch illuminierten Palästen sitzt, während Kotors Armee streunender Katzen ganz ungeniert übers Pflaster flaniert.

Montenegro
Montenegro FOTO: Sabine Mattern