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Der Norden
Das Land der Sehnsucht meines Herzens

Der malerische Leuchtturm Fanad Head. Links im Hintergrund ist Irlands Nordspitze zu sehen.
Der malerische Leuchtturm Fanad Head. Links im Hintergrund ist Irlands Nordspitze zu sehen. FOTO: Thomas Reinhardt/newspool / Thomas Reinhardt
Diese Route hat es uns angetan. Sie führt auf 2500 Kilometern entlang der Westküste von Irland, von Kinsale im Süden bis zur Landzunge Malin Head im Norden – oder umgekehrt. Sie gilt als längste durchgehend beschilderte Küstenroute der Welt. Der „Wild Atlantic Way“ fasziniert mit jeder Menge Abwechslung. Und deshalb sind wir Wiederholungstäter.

Haben bereits den Süden und den mittleren Westen erkundet, diesmal ist der Norden an der Reihe, die Countys (Grafschaften) Mayo, Sligo und Donegal.

Wir sind mit dem Mietwagen von Dublin quer über die Insel nach Ballina gekommen. Malerisch direkt am Kai der mit gut 10 000 Einwohnern zweitgrößten Stadt in Mayo (nach Castlebar) liegt das Ice House Hotel, ein modernes Haus mit schicken Zimmern und einem prächtigen Restaurant mit sehr guter Küche. Ballina ist ein guter Ausgangspunkt für Erkundungen, zum Beispiel zum Ballycroy National Park. Es ist mit über 117 Quadratkilometern eines der größten Regenmoore Europas, bietet vielen Vogelarten und diversen Säugetieren eine Heimat. Ein schmuckes Besucherzentrum mit einem schönen Café informiert über den Park mit den großen Torfmoor-Gebieten, die man auf verschiedenen Wanderungen erkunden kann.

Es ist Freitag, am frühen Nachmittag sehen wir uns die Ruinen der dominikanischen Abtei von Sligo an, die 1253 vom Stadtgründer Maurice Fitzgerald errichtet wurde. Sehr gut erhalten ist der schöne Kreuzgang und der Hochaltar, reizvoll sind diverse Grabsteine aus der Gotik und der Renaissance. Auf dem Rückweg durch die engen Straßen mit den vielen Geschäften und bunten Häusern schallt uns Musik entgegen. Besonders in der O‘Connell Street ist schon einiges los. Hier stehen zwei von rund 150 Pubs: das urige Hargadon‘s mit gutem Essen und das gemütliche McGarrigle‘s, beide sind schon gut gefüllt und jeweils acht bis zehn Musikanten sind zugange. Dabei ist es gerade mal 16 Uhr.

In Sligo kommt man an einem Mann nicht vorbei: William Butler Yeats (1865-1939), der berühmte Dichter, der 1923 als erster Ire den Literaturnobelpreis erhielt. Yeats hat hier die Sommerferien bei der Familie seiner Mutter verbracht, hier hörte er sein frühes Werk prägende Geschichten und Märchen von keltischen Göttern, von Helden und Feen, von der Königin Maeve, die mit Wolfshunden auf die Jagd gegangen sein soll und auf dem mystischen Berg Knocknarea südwestlich von Sligo begraben wurde. Zu diesem Gipfel mit dem vermeintlichen Grab, einem aufgeschütteten Steinhaufen, führt eine kleine Wanderung – und von oben genießt man prächtige Ausblicke auf die Strände nahe Sligo, auf den bei Surfern beliebten Strandhill und auf Rosses Point, der sich zum Baden eignet.

Unweit des Knocknarea besichtigen wir Carrowmore, die nach dem Gräberfeld von Carnac in der Bretagne zweitgrößte Fundstelle megalitischer Gräber. Und dann wird es romantisch, wir wandern um den Lough Gill, durch hohe Wälder auf engen Pfaden mit weichem Moorboden. Ein herrlich stilles, kaum berührtes Fleckchen Erde ist dieser See, kein Wunder, dass dies ein Lieblingsplatz des kleinen William war, der vom „Land der Sehnsucht meines Herzens“ sprach.

Szenenwechsel: Von Sligo nach Donegal, vom idyllischen See auf schwindelerregende Klippen. Wir klettern auf schmalen Pfaden hoch bis auf rund 600 Meter. Damit gehören die Klippen von Sleave League zu den höchsten in Europa. Von dem steil ins Meer abfallenden Felskamm genießt man atemberaubende Ausblicke, nach Süden bis Sligo und die Grafschaft Mayo.

Nächste Station ist Glencolumbkille, ein malerisches und einsam an einer schmalen Bucht mit breitem Sandstrand liegendes Dorf. Wo sich einst Mönche niederließen, steht heute das An Cláchán Folk Village Museum, in dem Besucher anhand von Nachbauten der traditionellen Cottages mit den Strohdächern sehen können, wie die Menschen hier früher lebten.

Durch dünn besiedelte, meist karge und von Torfmooren geprägte Landschaften Donegals fahren wir zu einer grünen Oase. Eingerahmt von mächtigen Bergen lädt der Glenveagh National Park zum Besuch: Da gibt es den langgestreckten See (Lough Veagh), das Glenveagh Castle mit einem schön angelegten Garten und einen Park mit vielen exotischen Pflanzen. Spazier- und Wanderwege führen durch den Park und hinein in eine ansonsten kaum berührte Natur wie den Mullangore Wood, einen der wenigen noch vorhandenen alten Mischwälder Irlands, in dem auch Rotwild zu Hause ist.

Über Letterkenny, mit knapp 20 000 Einwohnern die größte Stadt Donegals, führt der Wild Atlantic Way nun hoch in den Norden. Über die Örtchen Ramelton und Rathmullan steuern wir an der Ostküste der Halbinsel Peninsula auf Fanad Head zu. Hier könnte man andauernd anhalten und die prächtigen Ausblicke über den Swilly, einen langgestreckten Meeresarm, auf die gegenüberliegende Seite nach Inishowen genießen. Eine längere Pause sollte man bei Portsalon einplanen. Die Landstraße führt etwas vom Atlantik weg, steigt bergan und in einer Linkskurve stößt man auf einen Parkplatz. Hier steigt so ziemlich jeder aus – und staunt. Am Fuße des steil abfallenden Hügels erstreckt sich ein langer und breiter Strand, der zu Recht zu den schönsten in ganz Europa zählt. Vor malerischen Dünen leuchtet der feine Sand goldgelb in der Sonne. Ein Strandspaziergang ist hier Pflicht.

Elfeinhalb Kilometer später bietet sich ein weiteres faszinierendes Bild. Nach kurvenreicher Strecke hört die Straße auf, wir stehen vor dem Fanad Head Lighthouse. Der Leuchtturm, den man auch besichtigen kann, wurde vor über 200 Jahren erbaut, nachdem eine Fregatte namens Saldanha vor Fanad Schiffbruch erlitt – der einzige Überlebende des Unglücks soll der Papagei des Kapitäns gewesen sein. Heute thront der imposante Turm an der Nordküste und leuchtet weit auf das wild schäumende Meer hinaus. Und im Osten ist die nördliche Spitze von Inishowen zu sehen, unser nächstes Ziel.

Inishowen ist die größte Halbinsel Irlands und auch hier treffen wir auf einen wunderschönen Strand, den „5 fingers beach“ mit bis zu 30 Meter hohen Dünenbergen. Auf Straßenschildern ist hier zuweilen mit der Zweisprachigkeit Schluss, steht nur noch Irisch zu lesen, zum Beispiel „Cionn Mhálanna“ für Malin Head, den nördlichsten Punkt auf dem Festland Irlands, wo die Welt dann wirklich aufhört. Hier stehen die Reste eines wuchtigen Wachturms, hier schleudert der wilde Atlantik seine Brandung gegen die Felsen, hier wurden zuletzt Nordlichter gesichtet – und Hollywood war auch schon hier, hat Sternen-Spuren hinterlassen: Bei Malin Head wurden einige Szenen zu „Star Wars: Episode VIII“ gedreht.