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Chioggia
Besuch bei Venedigs kleiner Schwester

Verwechslungsgefahr: Chioggia am idyllischen Venakanal-sieht fast aus wie Venedig.
Verwechslungsgefahr: Chioggia am idyllischen Venakanal-sieht fast aus wie Venedig. FOTO: Gino Cianci
Chioggia. Wenn sich die Abenddämmerung übers Land legt, erwacht das Leben auf den Plätzen und Straßen von Chioggia. Dann wird die Hauptstraße Corso del Popolo für den Autoverkehr gesperrt und für zwei, drei Stunden beginnt ein außergewöhnliches Treiben: Von Bernd F. Meyer

Es ist die Zeit der Flaneure. Junge Paare turteln verliebt. Und die ältere Generation sitzt in den Straßencafés, schlürft ihren Espresso und redet über Gott und die Welt.

„In Chioggia ist keiner allein, und niemand kann in der engen Stadt etwas verbergen, denn in den Gassen leben wir alle noch wie vor hundert Jahren“, erzählt Mario, der hier groß geworden ist. Für mehr als 10 000 „Chiogiotti“ ist die Altstadt auf einer Insel am Südende der venezianischen Lagune traditionsreiche Heimat, mit dem Festland verbunden durch zwei Brücken. Die Chiogiotti leben heute wie viele Generationen vor ihnen. Die Männer fahren mit kleinen Booten hinaus zum Fischfang in die Lagune, oder sind mit Großfängern tagelang in der Adria unterwegs bis hinunter nach Griechenland.

Die Fischerei sowie die Landwirtschaft – Radicchio, Karotten, Zwiebeln und Kartoffeln – und nicht der Tourismus sind die Haupterwerbsquellen. Chioggia gilt als größter Fischereihafen Italiens: Makrelen, Seezungen, Tintenfische, Meeräschen, Knurrhahn, Sardellen und Sardinen, Thunfische, Lachs, Seebarben und Aale werden angelandet. Deshalb ist der kleine Fischmarkt eine gute Adresse.

Im Vergleich zum nur 50 Kilometer entfernten Venedig träumt Chioggia den Traum einer italienischen Kleinstadt. Venedig wird jährlich von rund 30 Millionen Touristen überrannt, riesige Kreuzfahrtschiffe verpesten mit ihren Abgasen die Luft und gefährden durch den Wellenschlag die historischen Palazzi. Besucher rund um den Markusplatz und die Rialtobrücke werden mit Pizza und überteuerten Pastagerichten abgespeist. Anders in Chioggia: Hier legen nur die kleinen Fähren an, frischer Fisch und Gemüse stehen zu bezahlbaren Preisen auf den Speisekarten der Restaurants.

Chioggia ist denn auch wie geschaffen als Ausgangspunkt für Tagesausflüge nach Venedig, sowie zu den Villen am Brentakanal. Tipp für den Trip nach Venedig: das eigene Auto in Chioggia stehen lassen und per Linienschiff und Bus anreisen. Mehr als eine Stunde dauert diese Tour über das idyllische Lagunendorf Pellestrina und den Lido – zweimal umsteigen vom Schiff in den Bus inbegriffen.

Wer am Abend mit dem Linienschiff zurückkehrt, wird den Kontrast zwischen Massentourismus in Venedig und der Idylle des Fischerstädtchens Chioggia schnell spüren. Die kleinen Brücken über den Venakanal halten zwar den Vergleich mit der berühmten Rialtobrücke nicht aus, dafür drängelt hier keiner mit Smartphone und Selfiestick nach dem besten Motiv. Der Streifzug durch Chioggas enge Gassen wird zur Tour von der Vergangenheit in die Gegenwart.

Wie die Gräten eines Fisches scheinen Straßen und Gassen in die Altstadt angelegt: Das Rückgrat ist der breite Corso del Popolo, von dort zweigen die engen Gassen ab wie einzelne Gräten.

Dazu war und ist auch heute noch der Einfluss des nahen Venedig viel zu mächtig. Gleichwohl – die Chiogiotti merken das voller Stolz an – ist ihre Stadt älter als Venedig. Der Legende nach gründeten Krieger aus Kleinasien die Ansiedlung als Clodia. Fossa Clodia nannten die Römer einen Kanal im heutigen Chioggia. Zur Blüte gelangte die Stadt ab dem Jahr 1110, als der Bischof von Malamocco hier seine Residenz aufschlug. Chioggias Reichtum war aber bald den Genuesern ein Dorn im Auge, sie zogen in den Krieg gegen Chioggia, der Hafen wurde besetzt und die Stadt zerstört. Mit eisernem Willen bauten die Chiogiotti ihre Stadt wieder auf: Die mächtige Kathedrale aus dem 17. Jahrhundert mit dem abseits stehenden, 60 Meter hohen Campanile und die vielen Paläste mit ihren Säulengängen sind steinerne Zeugen der wechselvollen Vergangenheit.

Malerisch anzuschauen sind die schmalen Brücken über den Venakanal, neun Bauwerke hintereinander. Darunter ist die Vigo-Brücke mit ihren ausgetretenen Stufen die Schönste. 1685 wurde der harmonische Brückenbogen errichtet, 1762 fügte man Löwenköpfe und Schmuckwerk aus Marmor hinzu.

Trubelig wird es in Chioggia nur in der Hochsaison von Mitte Juni bis Ende September, wenn die Badeurlauber aus der benachbarten Hotelvorstadt Sottomarina in die Gassen der Altstadt strömen.

Der neun Kilometer lange Sandstreifen wurde Anfang der 1950er Jahre angelegt. Seitdem veränderte sich das Landschaftsbild dort rasant: Jahr für Jahr entstanden neue Strandhotels. Von der einfachen Familienpension bis zum Sternehotel mit eigenem Pool reicht dort das Angebot. Ende September ist die hektische Badesaison vorbei. Wer Ruhe statt Rummel schätzt, reist dann nach Chioggia – oder bereits im Frühsommer.

Karte Chioggia
Karte Chioggia FOTO: Fototeca ENIT/G. Cianci