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Mystische Figur der Niederlausitz
In Dobra entsteht der Wassermann von Drößig

 Kettensägenkünstler Roland Karl (58) arbeitet in Dobra am Wassermann von Drößig.
Kettensägenkünstler Roland Karl (58) arbeitet in Dobra am Wassermann von Drößig. FOTO: Veit Rösler
DOBRA . Früher traute sich keine Frau und kein Mädchen, den Pfad vorbei an einer kleinen Quelle bei Drößig zu nehmen, denn es hieß, dort wohne ein Wassermann, der alle Frauen und Mädchen wegfange. Der Wassermann bei Drößig! Kettensägenkünstler Roland Karl hat keine Angst vor ihm. Der 58-Jährige baut den Wassermann jetzt in Dobra nach.

Cordula Schladitz (57) vom Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft kommentiert: Auf dem Weg von Finsterwalde nach Eichholz sieht man gegenüber der Bergmühle linker Hand ein großes Wiesengelände. Durch diese Wiesen führte früher ein Steg nach Drößig. Neben einem großen Feldstein, auf einem fast runden Hügel, findet man eine mit Schilf und Rohr bewachsene Stelle und eine kleine Quelle. Diese war einst etwa vier Meter breit und sechs Meter lang. Früher traute sich dort keine Frau und kein Mädchen vorbei, denn es hieß, in der Quelle wohnt ein Wassermann, der alle Frauen und Mädchen wegfängt. Der Wassermann bei Drößig! Und genau dieser Wassermann von Drößig wird gegenwärtig auf dem Gelände von Kettensägenkünstler Roland Karl (58) in Dobra hergestellt.

Der Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft setzt über Jahre hinweg solche alten Geschichten in lebensgroße dreidimensionale Objekte um, die dann vor Ort zu Zielpunkten von Radwanderwegen ausgebaut werden. So gibt es mittlerweile im Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft nicht nur unzählige Waldgeister, sondern auch die sieben Mönche des Klosters Dobrilugk, die auf das Kloster in Doberlug und die umliegenden Dörfer verteilt sind und den 2018 aufgestellten Leutnant von Sorno. Letzterer ist Teil eines nun neu entstehenden Rundwanderweges, zu dem sich im Jahr 2019 der Wassermann von Drößig, der Wirt von Pechhütte und die Irrlichter von Eichholz gesellen sollen.

Bei den Nachforschungen zur Sage über den Wassermann von Drößig sind im Nachhinein interessante Details aufgefallen. Wer war dieser Wassermann? Ein „großer Feldstein, auf einem fast runden Hügel“ hört sich nicht nach einem von der Natur geschaffenen Gebilde an.

Die Nachfrage bei dem leidenschaftlichen Heimatforscher Manfred Rothe in Finsterwalde ergab: „Ja, dort befindet sich das sogenannte Hühnchengrab, in Anlehnung auf ein Hünengrab, das in dem Bereich als noch nicht erforschtes Bodendenkmal unter staatlichem Schutz steht.“ Manfred Rothe kennt die Stelle und er bedauert, dass immer wieder große Steine, manche sogar mit eingeritzten Markierungen, entweder aus Unwissenheit für den Straßen- oder Wegebau entfernt oder von Hobbyarchäologen gezielt gesucht und einfach mitgenommen werden. „Wir können in diesem Bereich um Drößig und Eichholz Besiedlungsspuren nachweisen, die auf mindestens 12 000 Jahre und mehr zurück gehen“, so Heimatforscher Manfred Rothe.

Aber was bedeutet ein zu einem Hünengrab auf einem runden Erdhügel aufgelegter Stein? Kein vernünftiger Mensch vergreift sich am Grab eines anderen verstorbenen Menschen. Gerade in grauer Vorzeit gilt diese Aussage für viele Epochen der sich entwickelnden Menschheit. Der Geist des Verstorbenen verbreitete auch nach dessen Ableben Angst und Schrecken, zumindest wenn sein Grab gestört wird. Das bedeutet auch, ein großer Stein, der auf dieses vermeintliche Grab gelegt wird, sollte dort ewig, oder zumindest für lange Zeiträume liegen bleiben.

Das Ergebnis: Diese Steine waren über Generationen hinweg verlässliche Orientierungspunkte in der Landschaft, quasi die geodätischen Wegweiser in einer ansonsten landmarkenlosen monotonen Gegend. Ein Wanderer oder ein fahrender Händler konnte seinen Weg verlässlich bequem danach ausrichten und bemessen. Solche Steine waren sozusagen das Navi der Steinzeit.